Nachdem ich die Anzeige der „Zahnärzte ohne Grenzen" in der ZM über weiteren Bedarf an Zahnärzten für den diesjährigen Hilfseinsatz in der Mongolei gelesen habe, war mein Interesse sofort geweckt. Ein Besuch der Homepage der Nürnberger-Stiftung bekräftigte in mir das Interesse an einem humanitären Einsatz verbunden mit vielerlei Reiseeindrücken.
Ich habe während meines Studiums schon einige Länder in Asien bereist und war somit ein großer Fan dieses Kontinents. Die Mongolei reizte mich insbesondere aufgrund ihrer geographischen Lage: nördlich begrenzt von Russland, südlich von der Volksrepublik China. Das Land besitzt eine Fläche, die vier Mal größer als Deutschland ist, dabei aber nur 2,8 Millionen Einwohner zählt.
Die Buchung desFluges ab Berlin-Tegel übernahm die Stiftung, welche dabei zugleich ein großzügiges Übergepäck bei der Airline heraushandelte.
Als Vorbereitung blieb allerdings noch das Organisieren von Materialspenden, die zu großen Teilen aus Anästhetika, Kompositen und Verbrauchsmaterialien bestanden. An dieser Stelle sei die Hilfsbereitschaft der Dentalbranche nochmal besonders hervorgehoben, welche das Aufbringen der notwendigen Materialien überaus unterstützte.
Die Gruppe setze sich aus drei Zahnärzten und zwei Helfern zusammen. Der Kontakt zu den Gruppenmitgliedern erfolgte im Vorfeld per Telefon.
Am 14. August 2011 war es schließlich soweit. Mit einem Direktflug von Berlin-Tegel landeten wir am „Chingis-Khan"-Airport in Alanbaataar, der Hauptstadt der Mongolei. Direkt nach unserer Ankunft wurden wir von der Frau des Stiftungsgründers Dr. Klaus Macher herzlich empfangen. Frau Tuul Macher ist selbst gebürtige Mongolin und arbeitete über Jahre als Chirurgin in den ländlichen Gebieten der Mongolei. Am Flughafen fanden sich alle zuständigen Gruppen zusammen. Ein genaueres Kennenlernen erfolgte schließlich beim offiziellen Empfang im Hotel in Ulaanbaatar. Hier wurden darüber hinaus das Bedienen der mobilen Einheiten erklärt sowie der weitere Transport zum Hilfseinsatz.
Direkt am folgenden Tag fuhren wir mit der mongolischen Eisenbahn von der Hauptstadt in Richtung Süden des Landes. Allein diese Zugfahrt durch das weite Land war ein großes Erlebnis. Im Dunkeln erreichten wir schließlich nach 14 Stunden Fahrt die Stadt Sainshand. Wir wurden am Gleis von der Leiterin der örtlichen Krankenhäuser und unserem zukünftigen Dolmetscher herzlich begrüßt, der selbst als Zahnarzt in seinem Land tätig war. Nach einem großen Willkommensessen gingen wir zeitig ins Bett, da es zu früher Stunde am darauffolgenden Morgen weiter in Richtung Einsatzort gehen sollte.
Pünktlich um 5 Uhr stand ein Krankenwagen russischen Typs vor dem Hotel und brachte uns auf einer fünfstündigen, holprigen Fahrt durch die Steppe zum örtlichen Krankenhaus der Stadt Ikhkhet. Einmal angekommen, bauten wir direkt im Anschluss die mobilen Einheiten und die Prophylaxeeinheiten in zwei Zimmern auf. Nach einer rührenden Willkommensfeier mit Reden und Gesang warteten auch gleich die ersten Patienten auf uns. Diese schienen mindestens genauso aufgeregt wie wir. Die Verständigung erfolgte in erster Linie über unseren Dolmetscher Bagi, der sich als überaus notwendig herausstellte und uns mit den Übersetzungen tatkräftig unterstütze. Auch der mongolische Kollege in der Stadt Ikhkhet konnte fachliche Details sehr gut an die Patienten kommunizieren und stand uns mit Rat und Tat zur Seite.
In den kommenden zehn Tagen arbeiteten wir von 8 Uhr morgens bis etwa 17 Uhr am Abend, wobei eine Stunde Mittagspause beinhaltet war.
Die Tätigkeitsschwerpunkte lagen zum größten Teil in Zahnextraktion, Füllungen und in der Prophylaxe. Wir verarbeiteten ausschließlich Komposite als Füllungsmaterial, weil die Benutzung von Amalgam seit Juli 2011 in der Mongolei gesetzlich verboten wurde. Als Prophylaxemaßnahme entfernten wir vor allem Zahnstein mit Ultraschall oder Handscalern. Des Weiteren brachten wir den Kinder und Jugendlichen in kleinen Gruppen das korrekte Zähneputzen am Modell näher. Dabei versuchten wir insbesondere den Kindern und Eltern die Zusammenhänge der Kariesentstehung zu verdeutlichen. Wir betonten unter anderem, dass die Menge und Frequenz der Zuckeraufnahme hierbei eine bedeutsame Rolle spielt.
Insgesamt behandelte unser Team in diesen zehn Tagen circa 700 Patienten und führte an die 450 Extraktionen und 350 Füllungen durch. Wurzelkanalbehandlungen waren eher Ausnahmen und wurden wenn überhaupt nur an Frontzähnen bearbeitet. Es fiel uns eine große Anzahl an Fluorosen auf, die in diesem Teil der Mongolei auf das hohe Vorkommen an Calciumfluorid im Erdreich zurückzuführen sind. Eine besonders große Freude konnten wir Jugendlichen mit Frontzahnaufbauten bereiten, deren Zähne entweder infolge eines Traumas oder durch das extreme Ausmaß an Fluorosen geschädigt waren.
Unsere Köchin und unser Dolmetscher sorgten in der gesamten Zeit für Wohlbefinden und gute Stimmung. Viele Patienten brachten uns am Abend noch ein kühles Bier vorbei oder luden uns zum Abendessen in ihre Jurte ein. Dort wurde uns zumeist getrockneter Joghurt, Tee mit Milch und vergorene Stutenmilch als Delikatesse angeboten. Als Hauptgang gab es sogenannte Boots, welche mit unseren schwäbischen Maultaschen vergleichbar sind.
Außerhalb der Arbeitszeiten lernten wir außerdem, wie die Mongolen aus vergorenem Joghurt ihren Wodka brannten. Wir spielten auch häufiger abends mit der Dorfjugend Basketball oder ritten auf echten mongolischen Kamelen durch die Steppe.
Persönlich lernte ich in dieser Zeit viel über die Wichtigkeit und den Sinn unseres Berufs, gerade in Ländern, in denen eine zahnmedizinische Betreuung nicht selbstverständlich ist. Mir gefiel es insbesondere, in intensivem Kontakt zur mongolischen Bevölkerung zu stehen, wie es sonst nur
selten auf Reisen möglich ist.
Nach den zehn Tagen erfolgte noch ein kleiner Abstecher in die Wüste Gobi, bevor es mit dem Nachtzug zurück in die Hauptstadt ging. Abschließend wurde dort eine Pressekonferenz mit dem Gesundheitsminister und dem Dekan der zahnmedizinischen Fakultät veranstaltet, welche von einer großen Zahl an Reportern der regionalen Presse begleitet wurde. Nach all den Eindrücken erholten wir uns bei viel Geselligkeit in einem sogenannten Ghercamp in einem Nationalpark nicht weit von Ulanbaataar. Vier Tage später ging es schließlich wieder zurück nach Deutschland.
Zurück in Deutschland lassen sich nach all den zahlreichen Erfahrungen aus der Zeit in der Mongolei so manche Probleme im deutschen Arbeitsalltag nun leichter lösen.