Teilnahme am Großeinsatz der Zahnärzte ohne Grenzen (DWLF) in der Mongolei
Wie bereits im Jahr 2010 führte der DWLF auch in 2011 einen fast flächendeckenden zahnärztlichen
Hilfseinsatz in der Mongolei durch - eine enorme logistische Anstrengung in einem Land, das nahezu viermal die Fläche der Bundesrepublik Deutschland einnimmt, äußerst dünn besiedelt ist und nur über eine gering ausgebaute Verkehrsinfrastruktur verfügt.
58 Kollegen und Helfer teilten sich diese Aufgabe, verteilt über sechs Wochen des Sommers.
Die Teams setzten sich aus jeweils vier Helfern des DWLF, einem mongolischen Kollegen nebst Helferin und einem
Dolmetscher zusammen. Mein Team wurde im Uvs Aimag (Aimag=Provinz) im Nordwesten des Landes in zwei der kleinsten
Ansiedlungen - Turgen Sum, ca. 1200 EW u. Davst Sum, ca. 1100 EW - eingesetzt. Die Nordwestprovinz an der sibirischen
Grenze ist äußerst gering besiedelt (ca. 80000 EW auf ca. 70000 qkm).
Das Landschaftsbild ist geprägt von weiten, teils kargen Grassteppen, durchzogen von Gebirgsketten mit Gipfeln über 4000 Metern.
Die Menschen leben von der Tierhaltung (Pferde, Schafe, Ziegen, Rinder, Kamele) zur eigenen Ernährung und zum Verkauf
von Wolle und Häuten. Nahezu im Zentrum der Provinz liegt der größte Salzsee der Welt - Uvs Nur - dreimal größer als der Bodensee.
Nach Ankunft in der Hauptstadt Ulaan Bataar am 15. August und kurzer Einweisung in die mobilen Behandlungseinheiten
(luftbetriebene, chinesischer Bauart) ging die Reise per Inlandsflug 1400 km gen Westen. In der Provinzhauptstadt
Ulaan Goom wurden wir von den offiziellen Vertretern der Gesundheitsbehörde herzlich empfangen. Wir erfuhren, dass in
der gesamten Provinz sechs staatlich angestellte und zwei private Zahnärzte zur Verfügung stehen. Vier staatsangestellte
Zahnärzte sind im mobilen Einsatz, wobei die zur Verfügung stehende Ausrüstung nur einfache Extraktionstherapie zulässt. Auch
die apparative Einrichtung der Praxisräume im zentralen Krankenhaus erfüllt kaum den gewohnten deutschen Standard.
Per Autotransport ging es weiter zum ersten Einsatzort Turgen Sum .Unterbringung erfolgte im „Krankenhaus" dem einzigen festen
Gebäude in ordentlichem Gebrauchszustand. Hier kümmern sich 2 Ärzte um die einfachste Grundversorgung/Geburtshilfe der Einwohner
und der Nomadenfamilien in der Region. Unser „Behandlungszentrum" installierten wir ebenfalls in diesem Krankenhaus. Nach 6 Tagen
verlegten wir unser mobiles Behandlungszentrum in die nächste Ortschaft 100 Kilometer entfernt nach Davst Sum. Auch hier nutzten wir
das örtliche „Krankenhaus" für die Behandlung. Untergebracht waren wir dort im Ger(Jurte). Die 12 Tage waren bestimmt von unserer
zahnärztlichen Aktivität, von 8.15 Uhr bis 17.30 Uhr mit einer Stunde Mittagspause. Patientenmangel gab es keinen, denn seit Jahren war
kein Zahnarzt in beiden Orten. Natürlich bekamen wir teilweise desolate Gebissbefunde zu Gesicht. Extraktionen in größerem Umfang ließen
sich nicht vermeiden; aber wir konnten auch umfangreich Zahnerhaltung betreiben und Füllungen legen. Insgesamt bewältigte unser Team
in 12 Behandlungstagen über 650 Patienten. Wir mussten dabei feststellen, dass bei der jüngeren Bevölkerung offenbar der zunehmende
Konsum von Süßigkeiten und Süßgetränken Kariesschäden massiver auftraten als bei den älteren Menschen. Hier wären
Präventionskampagnen natürlich dringend erforderlich.
Die Mitarbeiter der Krankenhäuser haben uns herzlich aufgenommen und bestens versorgt. Natürlich war die Art des Essens
gewöhnungsbedürftig und auch nicht allen mitteleuropäisch esstrainierten Mägen zuträglich
(gesalzener Milchtee, fettes Hammel- u. Ziegenfleisch in Suppeneintopfform), aber das sich Kümmern um uns Helfer war vorbildlich.
In der knappen Zeit am Abend und am arbeitsfreien Sonntag wetteiferten behandelte Patienten,
die ärztlichen Kollegen der Krankenhäuser und viele andere darum, uns ihre Orte und die Highlights der Umgebung zu zeigen.
Wir ritten auf Mongolenpferden, machten Besuche in den Gers (Jurten=Zelte) und mongolisches Barbecue in faszinierender Naturlandschaft.
In beiden Ortschaften bewegten sich die Hygienebedingungen auf einem für uns kaum vorstellbaren Niveau. Kein sauberes Frischwasser, nur Bachwasser
oder ungefiltertes Brunnenwasser, unendlicher Staub von den mit Tierkot übersäten Wegen, keine Abwasserregulierung, nur einfachste Latrinen oder
Dornenbusch in der Steppe.
Nach Rückkehr in die Hauptstadt standen die verbleibenden Tage zur freien Verfügung. Unsere Gruppe nutzte die Zeit zur Erkundung der Stadt und eines
nahegelegenen Nationalparks.
Mein persönliches Fazit dieser Reise ist, dass unsere zahnärztliche Arbeit - mit der nötigen Empathie ausgeführt - ein hohes Maß an Anerkennung
zurückgibt, gleich wo und unter welch schwierigen Bedingungen sie geleistet wird. Toleranz und Teamfähigkeit wird extrem getestet, da unterschiedlichste
Charaktere ohne Vorauswahl binnen kürzester Zeit auf engem Raum miteinander leben und arbeiten müssen. Der zwangsläufig enge Kontakt mit dem Leben
der einheimischen Bevölkerung lässt eine völlig andere Erfahrung, als die eines Normaltouristen zu. Das Wahrnehmen von Glücklichsein im Leben, fern ab von
den uns so selbstverständlichen „Grundbedürfnissen", führt - zumindest unmittelbar - auf eine wohltuende Ebene der Selbstbesinnung. Hilfseinsätze solcher
Art sind auch eine Möglichkeit der eigenen inneren Neuorientierung.
Zum Schluss möchte ich mich für ihre Unterstützung mit Instrumenten und Materialien bei Kollegen der Studiengruppe f. Restaurative Zahnheilkunde, der
Fa. Henry Schein und der MaBeGe Duisburg bedanken.