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Die mit mongolischer Gelassenheit ablaufende Vorbereitung des Ausflugs hatte unseren Vorrat an Geduld weitgehend erschöpft, doch wir mussten, was Geduld anging, nachlegen. Als wir an der Fähre warteten, sahen wir Badbajar´s Wagen am Hang liegen bleiben. Aufgebockt wurde das rechte Vorderrad abmontiert, um festzustellen, dass der Schaden vom Wochenende vorher, Defekt am Lenkgestänge, nicht behoben war. Das Auto konnte fortan nur noch rückwärts fahren - da half auch kein Vodka, der um das Auto verspritzt wurde (und natürlich durch Badbajar´s Kehle). Der von unseren Schamanen herausgefundene Grund der Havarie: Die Farbe des Autos (grau) passte heute nicht zum Ausflug. Bei uns würde man das reine Schlamperei nennen.
So wurde umgeladen: 8 Leute in Mocka´s Lexus, Renate auf Laura´s Schoss vorne, hinten Klaus, Buumi, Davatscho, der Lamm-Schlachter und ich . Nach der Fluss-Überquerung mussten wir so eine knappe Stunde ausharren, was Renate zu dem bemerkenswerten Spruch veranlasste: „Ein Königreich für ein Pferd".
Vor einem Lärchenwald standen unsere Pferde, aber zunächst einmal wurde gevespert: Brot mit sauer eingelegtem Fisch und Vodka, dabei wurden die neuesten Nachrichten mit den nomadischen Führern ausgetauscht und in aller Seelenruhe palavert. Wir legten uns im Grasland in die Sonne, ruhten aus und harrten der Dinge. Ich selber freundete mich mit einem jungen Hund an.
Gegen halb vier hieß es plötzlich „Aufsitzen". Wir Deutschen hatten Deel´s geliehen bekommen, jene traditionelle Kleidung, die zum Reiten gut geeignet ist: Außen Brokat, innen ein seidiges Futter, dazwischen Filz, in Hüfthöhe mit einem 5 m langen Schal fest geschnürt. Der Mantel ist schwer, schützt aber vor Wind und Wetter und polstert die harten Sättel zusätzlich. Da wir noch Mehl und das Lamm auf Packpferden mitzubringen hatten, mussten wir unsere Rucksäcke selber auf dem Rücken tragen, in meinem Fall knapp 20 kg.
Abwechselnd ging es durch lichten Lärchen-Wald und über sumpfige Wiesen, kniehoch mit Blaubeer-Büschen bewachsen. Bäche waren zu queren, Steigungen zu bewältigen und morastige Senken zu durchwaten, sodass der Schlamm bis unter die Bäuche der Pferde spritzte. Sonnenklar, dass diese Strecke nicht per Auto (auch nicht bei Frost) bewältigt werden konnte.
Nach gut der Hälfte des Weges sahen wir ein gesatteltes Pferd allein am Hang stehen: Es hatte seinen Reiter, Badbajar, abgeworfen (der offenbar zuviel Vodka getankt hatte) und den Heimweg allein gesucht.
Nach gut 4 Stunden erreichten wir in einem langgestreckten Tal das Tipi-Lager der Rentier-Nomaden
(Anmerkung: Die Rentier-Nomaden, zur Ethnie der Tsaatan gehörig, halten Rentiere statt Kühe, Schafe und Ziegen. Sie sind am Aussterben, es gibt nur noch ca. 130 Menschen, die unter diesen harten Bedingungen leben wollen. In spätestens 20 Jahren wird es keine mehr geben, die jungen Leute zieht es einfach in die Stadt.), froh darüber, dass der Ritt nun doch nicht so lange gedauert hatte, und wir unsere eingerosteten Gelenke wieder gängig machen konnten.. Da standen 4 Tipi´s, davor lagen rund 40 Rentiere wiederkäuend und angepflockt für die Nacht. Der Häuptling begrüsste uns sehr freundlich, seine Frau servierte sofort Brot (im Kochtopf auf dem Ofen gebacken), getrockneten Käse und mongolischen Tee (milchig und gesalzen). In der Nähe standen weitere Tipi´s, insgesamt etwa 13 und weitere Tiere. Auch eine dänische Familie mit 2 Kindern (2 und 8 Jahre alt, die Mutter Anthropologin) lebte bereits seit 4 Monaten dort, außerdem hatte ein italienisches Paar (er Fotograf) sein Zelt aufgebaut. Von der uns berichteten Fremdenfeindlichkeit der Tsaatan konnten wir nichts spüren, vielmehr waren alle froh, dass wir gekommen waren, so haben sie nicht den beschwerlichen Weg nach Tzagaannuur zur Behandlung nehmen müssen. Im letzten Tageslicht bereiteten wir unser Lager in einem für uns frei gemachten Tipi. Renate und Buumi unterwiesen derweil die Kinder im Zähneputzen, wobei diese begeistert mitmachten.
Das mitgebrachte Lamm wurde dankbar angenommen, in handliche Stücke zerlegt und für das Grillen am offenen Feuer vorbereitet. Denn bald war es dunkel, auch wurde es kalt. So versammelten sich ca. 20 Menschen um das Feuer. Das jeweils fertig gegarte Fleisch wurde mundgerecht auf einem Brett herumgereicht, dazu kreiste das (einzige) Glas Vodka, auch kurze Dankesreden wurden gehalten, ansonsten genoss man die Wärme des Feuers, unterhielt sich mit Händen und Füssen - und schaute zwischendurch gen Himmel, der seine ganze Sternen-Pracht entfaltet hatte. Ohne optische Umweltverschmutzung leuchtete die Milchstrasse und so manche andere Galaxie in der klaren, trockenen Luft der Taiga auf uns herab. Solch einen schönen Sternenhimmel habe ich vorher noch niemals gesehen.
Trotz der sternklaren Nacht wurde es im Tipi nicht kalt, ich konnte wunderbar schlafen bis halb acht. Die Rentiere waren freigelassen worden und zogen mehrmals am Lager vorbei durch die Tundra, immer als geschlossene Herde, nur einige Kälber blieben beim Lager zurück. Erst gegen 15 Uhr kam die Herde zum Lagerplatz zurück und liess sich dort wieder anpflocken. Die Rentiere machen ein seltsam klickendes Geräusch, wenn sie laufen. Als Paarhufer spreizen sie die Zehen beim Auftreten, heben sie anschließend den Fuß, schlagen die Hufe leicht aneinander: Click! Unsere Nomadenfamilie hatte vorher ein anderes Tal bezogen. Dort waren aber 10 Rentiere von Wölfen gerissen worden, weshalb sie in diese Wolf-freie Gegend umgezogen sind. Gut für uns, sonst hätten wir womöglich 7 Stunden reiten müssen.
Allmählich rührte sich Leben, es wurde Wasser aus dem kleinen Bach geholt, man selber suchte sich einen Platz im Wald zum „Blumengießen" (= Pinkeln, ein Harmonie-Häuschen (Plumps-Klo) gab es nicht), ich suchte die herumliegenden Vodka-Flaschen (7) zusammen, auch vergaßen wir nicht, den Wassergeist zu begrüßen (3x die Stirn benetzen und 3x etwas Wasser schlürfen). Das Frühstück bestand aus Nudelsuppe und Brot mit sauer eingelegtem Fisch.
Dann sortierten wir unsere Instrumente auf demselben Brett, auf dem gestern noch das Lamm zerlegt worden war: Die Sprechstunde war eröffnet. Etwa 20 Patienten wollten zerstörte Zähne bzw. Wurzelreste los werden. Dazu setzten wir sie auf einen Holzklotz, einer hielt den Kopf des Patienten, ein anderer extrahierte. Die Zähne landeten irgendwo im Tundrakraut, wo sich die Hunde damit beschäftigten. Komplikationen gab es keine. Aber zu unserer Überraschung sahen wir zahlreiche kariesfreie, vollständige Gebisse, sowohl bei Kindern wie bei Erwachsenen. Umgekehrt aber auch Münder ohne intakte Zähne, besonders bei manchen Kindern.
Nach der Sprechstunde wurden Tücher auf dem Gras ausgebreitet und die Nomaden boten ihre aus Rentierfell und -Knochen gefertigten Basteleien zum Verkauf an.
Gegen 11 Uhr hatten wir alles wieder gepackt und hätten durchaus den Rückweg antreten können. Doch es hieß, es fehlten 2 Pferde, eine Stunde später waren es 5, um 15 Uhr schließlich brachte ein Reiter 8 Pferde zurück, also war die ganze Herde ausgerissen gewesen. Die Wartezeit füllten wir mit Dösen, Rentier streicheln, Kiefernzapfen-Samen- Kauen und ziellosem Herumlaufen, wobei wir uns immer wieder einredeten: Es geht los, wenn alles bereit ist! Also Geduld, bitte.
Gegen halb vier brachen wir auf, diesmal wählten wir einen anderen Weg durch ein Schlucht, dessen Bach wir mehrmals durchwaten mussten. Die Trittsicherheit der kleinen Pferde mit ihren schlanken Hufen verblüffte uns immer wieder. Gutmütig ließen sie sich führen. Obwohl in der Mongolei üblicherweise nur Wallache (kastrierte Hengste) geritten werden, hatten wir auch Stuten dabei. Unser Führer ritt sogar einen Hengst. Es war nicht so warm wie tags zuvor, auch ging etwas Wind, die Rucksäcke waren beim Packpferd, was das Reisen wesentlich bequemer machte. Mocka, der auf uns gewartet hatte, begrüßte uns mit grossem Hallo, Palaver und einer Flasche Vodka.
Die Fahrt nach Hause glich einer Rallye. Mocka zeigte seine Fahrkünste bei 60-70 km/h über die Prärie, ohne Rücksicht auf sein Auto und seine 6 zusammengepferchten Insassen. Der Grund: Eine Bäuerin wartete schon den ganzen Tag auf uns mit Zahnschmerzen: Ein total gelockerter 37, den Klaus mit Papier-Taschentuch-bewehrten Fingern so schnell entfernt hatte, dass die Frau gar nicht mitbekam, wie ihr geschah. In deren Haus bekamen wir noch Tee und Hammelfleisch angeboten. Ihr Mann lag am Boden und schlief (er hatte mit Mocka die halbe Nacht getrunken), erwachte allmählich und begrüßte uns mit dem mongolischen Gruß, indem er an unserer Wange schnüffelte. Wieder wurde ein Lamm eingeladen und über die Fähre schafften wir es zurück nach Tzagaannuur, allerdings war es da bereits dunkel.
Später brachen wir nochmals auf, um mit Mocka schamanische Rituale zu erleben. Er brachte uns in die Berge zu einem von ihm geheim gehaltenen Ort (wir waren die ersten, die ihn zu Gesicht bekamen), wo er ein hölzernes Tipi gebaut hatte, geschmückt mit unzähligen Hadak´s. Dort deponierte jeder von uns eine Vodka-Flasche und Kekse, dort wünschten wir unseren Familienmitgliedern im Stillen eine gute Zukunft, den männlichen links, den weiblichen rechts vom „Altar". Mit Davatscho besuchte ich noch den Platz seines verstorbenen Vaters, der sein Schamanentum während der sozialistischen Zeit geheim halten musste und trotzdem ständiger Verfolgung ausgesetzt war.
Auf der Bergeshöhe, einer Salbei-Wiese, versetzte Mocko sich schließlich in Trance mittels Maultrommel, einer bunt-betuchten Leine und Vodka. Die Übersetzung seiner unverständlichen Äußerungen übernahmen Davatscho und Buumi. Später erhielten wir Antworten auf unsere Fragen, sowie Anweisungen zu selbst durchzuführenden Ritualen (ich sollte 3 Nächte hintereinander von ihm präparierte Milch aus einen Löffel mit 9 Löchern jeweils 9-mal um mein Haus verspritzen). Erst nach Mitternacht beendeten wir diesen Ausflug, erschöpft und voller fremdartiger Eindrücke.
Ekkehard Schlichtenhorst, im September 2011
  
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