|
Ein Bericht von Dr. Langwest Mongoleo (Altenshiree/Delgerech) vom 24.7.11 bis 14.8.11 E-Mail:
Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Unser Einsatz startete an einem Sonntag vom Flughafen Berlin Tegel. Gruppe 1 D bestand aus zwei erfahrenen Zahnärzten, einem gerade fertig gewordenen Zahnarzt, zwei Zahnmedizinstudentinnen und meiner Tochter.
Der Flug nach Ulan Bator dauert lange und so hatten wir genügend Zeit darüber nachzudenken, was uns in den nächsten drei Wochen alles erwarten würde. Natürlich hatten wir vorher telefoniert und uns - so gut es ging - ein Bild vom Land und den Verhältnissen dort gemacht. Aber würde die Realität vor Ort damit etwas zu tun haben?
So eine Reise ist auch immer eine Reise ins Ungewisse. Ich wusste, viele sichere Konstruktionen von zu Hause würden dort nicht funktionieren, aber gerade diese leise Unruhe ist etwas, was für mich wichtig ist in meinem Leben.
Die Ankunft in Ulan Bator war zunächst überschattet von einer Irritation.
Auf dem Flughafen werden mir alle Handschuhe, Anästhetika, Antibiotika und Kanülen weggenommen. Ich kann es nicht glauben. Ich zeige meinen DWLF - Ausweis mit Lichtbild. Alles ist ausschließlich als Geschenk gedacht..., wenn man mich nur ließe. Es ist eine absurde Veranstaltung, und zeigt einmal mehr, dass bornierte Bürokratie keine allein deutsche Untugend ist.
Im Hotel die erste Einsatzbesprechung der fünf Gruppen. Wir machen uns vertraut mit den Kollegen und den technischen Voraussetzungen, den mobilen Einheiten und lernen unseren meisterhaften Dolmetscher Purev kennen.
Unsere Gruppe hat das Privileg, dass wir mit der Transmongolischen Eisenbahn fahren dürfen. Wir freuen wir uns mächtig darauf.
|

 |
Foto 1
Die Fahrt geht langsam voran und das Land empfängt uns mit seiner für uns charismatischen Eintönigkeit und endlosen Weite. Immer ein schnurgerader Horizont am Himmel. Vereinzelt Siedlungen, Jurten und Herden von Pferden oder Kamelen. Wir haben Zeit hier in der Mongolei anzukommen.
Foto 2
Die Provinzhauptstadt Sain Shand empfängt uns mit einem Wolkenbruch. Es schüttet wie aus Kannen. Der Zug hält nur kurz. Auf dem Bahnsteig herrscht vollkommenes Chaos. Irgendwelche Leute schnappen irgendwelche Kisten. Irgendwie komme ich in irgendein Auto. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur die Hälfte der Ausrüstung noch bei uns ist. Beim ersten Check im Hotel stellt sich dann jedoch heraus, dass alles wie von Zauberhand den richtigen Weg mit uns genommen hat.
Die Organisatoren der lokalen Gesundheitsbehörde meinen es sehr gut mit uns und kümmern sich rührend. Wir besichtigen das Nadam Fest, fahren Stunden durch die Wüste zum buddhistischen Kloster Sanjit Khan, besuchen Museen und sehen ein Reitturnier. Auf diesem darf nun auch jeder von uns seinem ersten Airag trinken. Eigentlich waren wir doch zum Arbeiten hier und nicht zum Erlebnisurlaub...
Als es nun endlich auf geht zum eigentlichen Bestimmungsort unserer Reise nach Altanshiree, bin ich sehr froh. Es hat etwas Wundervolles über diese endlosen Weiten zu fahren, vor uns immer nur die Staubfahnen des anderen Jeeps, ein unvergleichlicher Augenblick.
|
|
Die Ankunft im Krankenhaus ist herzlich. Wir Männer haben das Privileg in einer eigens für uns aufgestellten Jurte zu schlafen. Wir bauen unsere Ausrüstung auf und warten auf den folgenden Tag.
Alles läuft nach Plan. Viele Patienten sind gekommen. Dennoch bleibt genug Zeit uns zu organisieren und uns mit den Gegebenheiten vertraut zu machen. Stets mit dabei ist ein mongolischer Zahnarzt aus Sain Shand, der mit uns zusammen arbeitet und von uns aus- und fortgebildet wird.
Die mobilen Einheiten haben den Transport - bis auf die Lampen - gut überstanden. Als Praktiker hat man damit keinerlei Probleme alle anfallenden zahnärztlichen Arbeiten auszuführen.
|
 |
An den ersten Tagen stehen fast ausschließlich Extraktionen im Vordergrund. Und dies ist nicht verwunderlich, denn eine zahnärztliche Versorgung vor Ort gibt es hier sonst nicht. Viele Menschen können sich offensichtlich nicht eine Fahrt in die Provinzhauptstadt, geschweige denn nach Ulan Bator, leisten. Es sind auffällig viele Kinder unter den Patienten. Leider müssen wir auch hier oft zur Zange greifen. Viele Milch- und auch permanente Molaren müssen gezogen werden. Es ist leider offensichtlich, dass es in der Mongolei kein ausgeprägtes Bewusstsein für Zahngesundheit gibt. Schaut man in die hiesigen Geschäfte, sieht man auch warum: Batterien von Süßigkeiten aller Coleur.
Hier setzt natürlich auch ein Teil der Arbeit der DWLF an. Sie kümmert sich in engem Kontakt mit den Behörden um die Aufklärung der Bevölkerung und so wurden sowohl Presse- als auch Fernsehinterviews organisiert, um mehr Problembewusstsein zu schaffen.
|
|
Beim täglichen Behandeln bietet sich uns oft ein trauriges Bild. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen stellt sich nach so einem Arbeitstag Befriedigung ein. Wir haben getan, was unbedingt getan werden musste. Tätigsein abseits von Überlegungen wie Wirtschaftlichkeitsprüfung, RKI Richtlinie, Budget und Degression etc.. Das ist sehr befriedigend, auch wenn man hin und wieder an den Punkt gelangt, dass Alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Darüber hinaus ist es eine gute Selbstmotivation, zu erfahren welches Bild sich einem bietet, ohne jegliche zahnärztliche Versorgung und wie gut es dazu im Vergleich in Deutschland bestellt ist. Es ist so, dass ich selbst in Deutschland noch nachhaltiger von meinem eigenen Tun überzeugt bin durch die Erlebnisse in der Mongolei.
Auch meine Tochter Anni schlägt sich im Einsatz wacker. Sie führt selbständig einfache Prohylaxemaßnahmen durch und assistiert bei vielen Behandlungen, wie sie es aus Deutschland kennt. Sie ist eine wertvolle Stütze und ganz besonders bei unseren kleinen Patienten beliebt.
|
 |
Dieser Einsatz war schon der zweite Hilfseinsatz, den wir beide zusammen erleben durften. Und dennoch war es für uns beide ein einmaliges Erlebnis, welches wir nie vergessen werden.
|
 |
Jeder unserer Patienten bekam eine Zahnbürste, Zahnpasta und einen Zettel mit Pflegehinweisen. Wir hoffen, dass
sich auch dadurch etwas in die richtige Richtung bewegen lässt. Auch der Kontakt zu den Leuten im Krankenhaus wird
von Tag zu Tag herzlicher. Man kennt sich beim Namen und abends wird immer ein Ausflug, ein Volleyballturnier
oder eine Disco organisiert. Wir fühlten uns jederzeit sehr wertgeschätzt und dies war und ist - auch noch heute, weit weg
von all dem Erlebten - eine besonders wertvolle Erfahrung. Von anderen Gruppen erfahren wir am Ende des Einsatzes, dass
dies offenbar nicht selbstverständlich war.Trotz der Entfernung von Ulan Bator haben wir Kontakt mit unserer Organisatorin
vor Ort Tuul Macher, die sich während der ganzen Zeit großartig um uns kümmert. Sie bringt - wie verabredet -
etwas Anästheticum, so dass wir ohne Engpässe weiter behandeln können. Während des ganzen Einsatzes ist sie immer
für uns erreichbar.
Nach vier arbeitsreichen Tagen ereilt uns ein Hilferuf aus der Nachbargemeinde Delgerech, dem wir folgen. Wir werden
von Jeeps abgeholt. Noch keine Stunde vor Ort, da sind wir schon mit den ersten schweren Fällen konfrontiert. Wir finden
zwei Patienten mit massiven Abszessen vor. Die Lage ist in beiden Fällen ernst und es ist notwendig sie nach Inzision und
i.v. Antibiose noch einige Tage in der Klinik zu behalten. Hier gibt es wahrlich viel zu tun. Teilweise machen wir neben den beiden
Behandlungsstühlen und einem Stuhl für Prophylaxe noch einen vierten Arbeitsplatz für Extraktionen auf.
Bei der Sterilisation erfahren wir die Unterstützung des Krankenhauses. Hier wird vor Ort mit einem Drucktopf ungefähr eine Stunde
sterilisiert. Dieses Verfahren entspricht sicher nicht den RKI Richtlinien, in der Mongolei ist es Standard, zweifelsohne erprobt und für
diese Art der Behandlungen ausreichend. Die Zeit vergeht wie im Flug. Auch hier machen wir abends Ausflüge und sitzen oft
bei Nomaden in deren Jurte. Für mich persönlich ging damit ein Traum in Erfüllung. Ich wollte nicht nur einen Job in diesem Land
vollbringen, sondern wollte mich einlassen auf eine andere Kultur und so viel wie möglich in Kontakt treten mit Menschen. Abende,
an denen wir zusammen in Jurten saßen, bewirtet wurden, deutsche Lieder gesungen haben und mongolische Lieder zur großen
Erheiterung mitgebrummt haben, bleiben unvergessen. Es war mir auch wichtig den Mongolen ein Bild zu vermitteln, wie Deutsche
sind oder sein können.
Diese Reise wollte ich mit dem Herzen antreten, für mich ist dieser Traum in Erfüllung gegangen.
Als wir wieder im Zug nach Ulan Bator sitzen, haben wir das Gefühl, unendlich viel gesehen zu haben. Wir sind erschöpft und
überwältigt von unseren bisherigen Eindrücken.Die restlichen Tage verbringen wir im Jurtencamp eines Holländers in der Nähe von
Ulan Bator. Erst hier wird uns bewusst, dass wir zwei Wochen lang in der Gobi keinen Baum gesehen haben. Die Landschaft ist ganz anders,
es gibt einen Fluss zum Baden, Pferde zum Reiten und jeder kann auf seine Weise die Seele baumeln lassen und die Eindrücke der
letzten Tage verarbeiten.
Dieser Einsatz war für mich sehr beglückend. Es gab viele unterschiedliche Erlebnisse die ich nie vergessen werde. Mein besonderer Dank gilt
allen die diesen Einsatz unterstützt haben, vor allem aber Tuul und Claus Macher sowie unserem Dolmetscher Purev.
Dr. Jörg Langwest
Danken möchte ich für ihre freundliche Unterstützung den Firmen MIP Pharma, Espe, M&W Dental, John Dental, Peppler, ökodent, GC.
|