Erfahrungsbericht Mongolei von August 2010
Thomas Lautenschläger (ADF) ist im 9. Semester Zahnmedizin an der Univ. Göttingen.
2011 macht er Examen DWLF-ID 286 Email:
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Anmerkung von Dr. Claus Macher: "Dieser Artikel ist herzerfrischend und zeigt die soziale Kompetens des Autors.
Dass er ein begeisterter Zahnmediziner ist, der zudem seine scharf erfassten Beobachtungen, Eindrücke und Emotionen für jeden nachfühlbar und in jugendlicher Unbekümmertheit darstellen kann - das ist eine seltene Gabe und dies zeichnet den kurzweiligen Bericht von Herrn Lautenschläger aus. Ich kann nur empfehlen, auch seine weiteren Ausführungen unter http://abenteuermongolei.blogspot.com nachzulesen."
„Was bewegt einen Studenten, die Semesterferien „zu opfern", viel Geld auszugeben und dabei noch eine ganze Reihe Strapazen auf sich zu nehmen, nur um zahnmedizinisch arbeiten zu dürfen?", das ist wahrscheinlich eine der Fragen, die sich Außenstehende oft gestellt haben, wenn ich von meinem Vorhaben, eine Famulatur in der Mongolei machen zu wollen, erzählt habe. Schließlich folgt dem Studium ja erst die Berufstätigkeit, und man könnte meinen, es kommen noch genügend Füllungen und Zahnextraktionen auf mich zu.
Schon seit Beginn meines Zahnmedizinstudiums im Jahr 2007 war für mich klar, dass ich mein Wissen und Können in einem Auslandsaufenthalt vertiefen und erweitern wollte. Doch was in anderen Studienfächern längst Standard ist und von späteren Uni-Absolventen erwartet wird, ist in diesem Studium noch nicht üblich: Die Selbst-Behauptung des Studierenden in einer ungewohnten und fremden Umgebung, abseits von Strukturen, auf die man daheim vertrauen kann. Zwar gibt es mittlerweile bescheidene Ansätze zwischen europäischen Partneruniversitäten, Zahnmedizinstudenten gegenseitig zu akzeptieren und nicht weiterhin den internationalen Austausch durch Nicht-Anerkennungen von Leistungen zu blockieren. Aber die Alternative einer Famulatur erschien mir spannender. Mich reizte die Vorstellung, meine erst im vorangegangen Semester erworbenen Fähigkeiten in Bereich KONS auszubauen und anwenden zu können. Gleichzeitig „ganz nah" an den Menschen zu sein und eine mir vorher unbekannte Region zu bereisen. Ganz allein war ich glücklicherweise nicht mit diesen Vorstellungen und so konnte ich mit meiner Kommilitonin Kirstin Sinnig zusammen die Pläne schmieden.
Die Suche einer geeigneten Organisation stand bevor. In Deutschland gibt es den Zahnmedizinischen Austauschdienst (ZAD), der eng mit dem deutschen akademischen Austauschdienst zusammenarbeitet (DAAD) und eine Reihe von etablierten Kontakten vorweisen kann. Es gibt Orte, an denen ein ständiges Kommen und Gehen von Famulanten herrscht und die Materialausstattung dank vieler Spenden besser ist, als in so mancher Praxis im Herzen Deutschlands.
Die Bewilligung eines Fahrtkostenzuschusses setzt unter anderem voraus, die Sprache des Gastlandes in Grundzügen zu beherrschen und eine gewisse Zeit zu bleiben. Unterhalb des Semesters zum Beispiel Spanisch zu lernen, kam aber nicht in Frage. Wir haben uns aufgrund noch weiterer bürokratischer Hindernisse dagegen entschieden, über den ZAD zu famulieren.
Viele spezialisierte Organisationen, vornehmlich aus dem angloamerikanischen Raum, warben offenkundig mit den guten Freizeitmöglichkeiten der verschiedenen Einsatzorte - für entsprechende Bezahlung im vierstelligen Eurobereich. Für mich entsprach diese Vorstellung nicht dem Charakter einer Famulatur.
Zufällig stießen Kirstin und ich dann auf die Organisation Dentists without Limits (DWLF), die mit Slogans wie „Manpower ist mehr wert als Moneypower" warben und unserer Intention, mit unserem Können Menschen zu helfen, wesentlich besser entsprach. DWLF ist in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern aktiv und bot einige Projekte zur Auswahl. Uns war es wichtig, in ein politisch stabiles Land zu reisen und wir „Anfänger" wollten uns nicht absichtlich einer hohen Prävalenz an Infektionskrankheiten aussetzen. Da DWLF für den kommenden Sommer ein groß angelegtes Projekt in der Mongolei mit 45 Helfern plante, stand relativ schnell fest, dass dies „unser" Projekt sein sollte.
In eine Gruppe mit zwei Zahnärzten (Dr. Jörg Vogeler und Dr. Franziska Wolter) wurden Kirstin und ich zugeteilt und diese Einteilung war goldrichtig, wie sich erst später herausstellte.
Wir buchten Flüge über Aeroflot (Hamburg - Moskau - Ulan Bator), handelten kostenloses Übergepäck aus, beschafften dringend notwendige Materialspenden (allem voran Füllungsmaterialien) von DMG, Heraeus Kulzer, MIP Pharma und Pluradent, beantragten Visa und schrieben die letzten Klausuren im Semester, mit der bevorstehenden Reise als großes Ziel vor uns.
Anfang August ging es endlich mit dem Flieger gen Osten. Über Moskau lagen noch weitreichende Rauchschwaden der Waldbrände und verdunkelten die Sonne auf apokalyptische Art und Weise. Weiter ging es über weite sibirische Ebene dem neuen Tag in Ulan Bator entgegen.
Als Mitteleuropäer das extrem kontinentale Klima in der Mongolei noch ungewohnt, habe ich es nicht für möglich gehalten, dass sich die Morgenluft beim Verlassen des Flughafens im Laufe des Tages von etwa 8°C auf gut 30°C erwärmen könnte. Morgens noch dick eingepackt, wusste ich gar nicht, was ich am Mittag noch alles ausziehen sollte.
Das Bild am Chinggis Khaaner Flughafen wurde bestimmt durch viele europäische Touristen, die sich allesamt durch riesige Rucksäcke als Abenteuerreisende entpuppten. Zum Wellness-Urlaub war offenbar niemand gekommen.
Es gab in einem Hotel nahe dem Zentrum eine Gruppenbesprechung für alle fünf Gruppen, die im selben Zeitraum an verschiedenen Orten in der Mongolei tätig wurden. Von DWLF bereitgestelltes Material wurde an die Gruppenleiter übergeben und es folgte eine kleine Sightseeing-Tour durch die Hauptstadt der Mongolei.
An allen Ecken ist ersichtlich, dass Ulan-Bator erst eine sehr junge Stadt ist, die ein großes Wachstum erst seit den letzten Jahren erlebt. Die Infrastruktur hinkt an vielen Stellen noch zurück. Ein Beispiel dafür ist, dass das Duschwasser im Hotel kalt blieb. Ich nahm an, dass die Heizung ausgefallen war. Doch im ganzen Viertel wurde kalt geduscht, da Fernwärme an dem Tag „aus" war. Das gleiche Betraf den Zugang zum Internet. Häuser werden in sehr einfacher Bauart hochgezogen, die Elektrik sieht meistens abenteuerlich aus. Im Kopf behalten sollte man, dass die Mongolen traditionell ein Nomadenvolk sind. In Ulan-Bator ist die Verbundenheit zum Landleben in Jurten an vielen Stellen zu sehen: Selbst mitten in der Stadt stehen in kleinen Parzellen Jurten neben Hochhäusern, qualmende, vollgepackte Mopeds fahren auf der Straße neben teuren chromglänzenden Geländewagen.
Im ganzen Land gilt: Man sollte nicht vergessen, dass man Europa weit hinter sich gelassen hat und sich auf die grundverschiedene Lebens- und Arbeitsweise der Menschen einstellen können muß, um die neuen Erfahrungen aufnehmen zu können.
Nach einer dringend benötigten Mütze Schlaf erwartete uns am Tag nach unserer Ankunft eine zweitägige Reise mit dem Jeep zu unserem Einsatzort Tumentsogt in der ostmongolischen Steppe. Zu viert auf der Rückbank plus Fahrer und Übersetzer, lernten wir uns schnell gut kennen. Ein kleiner Teil der Strecke verlief über eine Teerstraße, die gutes Vorankommen zuließ. Der weitaus größere Teil der Strecke führte jedoch über Pisten zum Zielort unserer ersten Etappe: Baruun-Urt, Hauptstadt des Aimags (Provinz) Süchbaatar. Die Piste teilte sich immer wieder in verschiedene Richtungen auf, was dem jahreszeitlich leicht wechselnden Verlauf geschuldet ist, führte aber manchmal auch nach einigen gefahrenen Kilometern wieder zusammen, so dass ich nie wusste, ob wir noch in dieselbe Richtung fahren oder einen Abzweig genommen hatten.
In der Provinzhauptstadt luden wir die mobilen Einheiten, eine einheimische Zahnärztin und die Provinzgesundheitsbeamtin ein. Erst am nächsten Mittag war unser Einsatzort erreicht und unser Team begann sofort mit dem Aufbau der Gerätschaften.
Und als ob die Kunde von unserer Ankunft mit dem Wind übers Dorf getrugen wurde, war der Flur der Krankenstation kurze Zeit später voller Patienten.
Es stellte sich heraus, dass die integrierten Speichelsauger der mobilen Einheiten nicht genügend Unterdruck hatten, um zuverlässig zu saugen. Zu allem Überfluss war auch nur eine einzige Turbine einsatzbereit. Unsere mitgebrachten passten nicht ans Adapterstück.
In einem Raum entfernten wir den Patienten Zahnstein und führten Extraktionen bei nicht erhaltungswürdigen Zähnen durch. Leider mussten wir die Patienten bitten, regelmäßig in eine Nierenschale auszuspucken. Der ein oder andere zahnarzt-unerfahrene Patient schluckte lieber. Im nächsten Raum arbeitete die einheimische Zahnärztin selbstständig und extrahierte ebenfalls. Im dritten Behandlungsraum gab es einen OP-Sauger, so dass nur hier vernünftig Füllungen gelegt werden konnten. Um möglichst vielen Patienten Füllungen machen zu können, teilten wir das Team in Schichten ein und konnten so von 8 bis 20 Uhr einsatzbereit sein.
Wir arbeiteten hauptsächlich mit den großzügigen Spenden an Composit und einem Self-Etch-Non-Rinse Bonding. Das ging sogar schneller als das Legen einer Amalgamfüllung.
Man kann nicht grundsätzlich sagen, dass die Bevölkerung eine schlechte Mundgesundheit hatte. Wenn von unserer Seite Handlungsbedarf bestand, dann aber richtig. Komplett zerstörte (Milch)Molarenkronen bei Kindern zu sehen, war besonders frustrierend. Gerade weil mit einer einfachen Fissurenversiegelung viel Übel verhindert würde. So legten wir besonderen Wert darauf, Kinder mit Wechselgebiss aus dem Warteraum zu „fischen". Gerade für mich als Studierender war es gut, Routine bei sensiblen Maßnahmen wie Überkappungen, bei Schmerzpatienten oder bei der Kinderbehandlung zu bekommen. Ein komplettes Novum war auch das Arbeiten mit relativer Trockenlegung. An der Uni wird das nur im absoluten Ausnahmefall von den Assistenten zugelassen. Auffällig war die hohe Prävalenz von stark ausgeprägten Flourosen. Zufällig erfuhren wir, dass der Bürgermeister von der sehr hohen Flouridkonzentration im Brunnenwasser wusste. Leider waren dieser Fakt und der Zusammenhang mit den „hässlichen Zahnverfärbungen" nicht bis zur Bevölkerung durchgedrungen.
Die Behandlungsstühle ließen sich nur dann in der Höhe verstellen, wenn niemand auf ihnen lag. Das zeitraubende Verstellen ließen wir irgendwann sein und kämpften abends dann mit Rückenschmerzen.
Geschlafen wurde in einer Jurte im Vorgarten der Krankenstation in kleinen Holzbetten. Als Mann mit europäischen Mittelmaßen darf man sich nachts leider nicht bewegen. Sonst stößt man sich irgendwo. Die Nächte die wir draußen in unserer Jurte verbrachten, fühlten sich so an, als seien wir unterwegs auf Klassenfahrt. Sechs Rucksäcke standen vor sechs kleinen Betten, an den Dachstreben hingen feuchte Handtücher zum Trocknen und ich suchte meine Socken im immer größer werdenden Chaos der herumliegenden Klamotten.
Nachts gab es keinen Lärm von Flugzeugen oder von Nachbarn eine Etage höher. Nur die Tiere des Dorfes unterhielten sich miteinander über mehrere Straßenzüge hinweg. Die Kühe wurden abgewechselt von Hunden, dann Schafen und später dem Hufgeklapper von Pferden. Was anfangs noch neu und ungewohnt war, wurde mit der Zeit zu einer meditativen Geräuschkulisse.
So wie wir die endlose Landschaft kennengelernt haben als harmonische Komposition aus dem strahlendem Weiß der Wolken, dem blassblauen Himmel, garniert mit gras- bis gelbgrünen sanft ansteigenden Hügeln, so haben sich auch die Menschen in unseren Herzen verewigt.
Niemals laut, immer höflich-zurückhaltend, kinderlieb und sehr gastfreundlich. Zu dieser Gastfreundschaft gehört unter anderem, dass üppiges Essen und viel Wodka gereicht wird. Diesen von vornherein abzulehnen, gilt dagegen als sehr unhöflich. Harte Zeiten für Abstinenzler und Vegetarier sowieso!
Das Dorfleben war spannender, als wir es uns hätten vorstellen können. Nahezu an jedem Abend gab es Aktivitäten rund um das Dorfgemeinschaftshaus: Vom Tanzwettbewerb, über Basketballspiele bis zum gemeinschaftlichen Tau-Ziehen war alles dabei. Unter der Woche folgten wir zahlreichen Einladungen: Nach getaner Arbeit ging es zum Pferderennen hinaus in die Steppe oder auf Wanderung zum nächsten Berg.
Zu unseren Ehren wurde am letzten Wochenende unseres Aufenthalts am 20km entfernten Kherlen-Fluss ein Schaf für das traditionelle Khorkhog-Essen geschlachtet und eine Feier veranstaltet. Der Bürgermeister überreichte uns Urkunden und langsam wurde klar, dass die Zeit der Abreise bald gekommen war.
Gerade die Häufigkeit von Flourosen bei den Patienten und fehlendes Wissen über den Zusammenhang von Ernährung, Mundhygiene und -gesundheit machten uns zu schaffen. Am Abend vor unserer Abfahrt aus Tumentsogt hielten wir in der Krankenstation einen Vortrag über Präventionsmaßnahmen. Unser Team hätte sich zwar mehr Live-Zuschauer gewünscht, doch immerhin war ein Kameramann des regionalen Fernsehsenders dabei und zeichnete unsere Präsentation auf.
Im anschließenden informellen Teil brachten wir mit Fotos unser Heimatland Deutschland den Zuhörern etwas näher und bedankten uns mit kleinen Geschenken bei all den lieben Menschen, die sich so herzlich um uns gekümmert haben und unseren Besuch zu einem unvergesslichen Reise gemacht haben.
Zurück in Ulan Bator, gab es die Möglichkeit zwischen verschiedenen Angeboten zu wählen, um das Land und seine Leute noch einmal aus einem anderen Blickwinkel erleben zu können.
Kirstin, Jörg und ich sowie Cornelius und Anna aus einer anderen Helfergruppe fuhren zum Holländer Bert (sein Ger-Camp ist eine Institution in der Mongolei!) in den nahegelegenen Terelj-Nationalpark. Obwohl keine 100 Kilometer von Ulan Bator entfernt, ist die Landschaft doch schon komplett verschieden. Sehr bergig, fast schon alpin, gibt es Zonen von Steppe direkt neben Taiga und das alles entlang des malerischen Terelj-Flusses mit seinen unzähligen, kleinen, quirlig gurgelnden Seitenarmen.
Dadurch, dass das Camp nur sehr schwer mit einigen Fluss-durchfahrten zu erreichen ist, kommen keine „typischen Touristen" zu diesem herrlichen Fleck Erde.
Wer es mag, sich morgens im eiskalten Fluss zu waschen, die endlose Ebene zwischen den Bergen hinunter zu reiten und abends sich mit seinen Vertrauten ans Feuer am Jurtenofen zurückzieht um sich vor der klirrend-kalten Nacht zu schützen, ist hier genau richtig.
Auch wenn bei unserem Einsatz nicht immer alles glatt lief und so manche Schwierigkeit zu überwinden war, bin ich doch rundherum zufrieden. Die Konzentration aufs Wesentliche in beruflicher wie auch persönlicher Hinsicht wirkt wie eine Frischzellenkur auf uns potentiell gestresste Europäer. Ich empfehle jedem, der Interesse an ehrenamtlicher Arbeit und Erweiterung des eigenen Horizonts hat, einmal in so einem Projekt mitzumachen. Der DWLF ist ständig auf der Suche nach fleißigen Helfern und Zahnärzten, die durch Altgoldspenden diese Arbeit finanziell unterstützen.
Weitere Informationen und Reiseeindrücke sind demnächst unter http://abenteuermongolei.blogspot.com/ zu finden.
Dieser Artikel ist ebenfalls in der Zeitschrift „dentalfresh", Ausgabe 4/2010, erschienen.
Kontakt: Thomas Lautenschläger -
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Ein großer Dank gebührt auch den Firmen DMG, Heraeus Kulzer, MIP Pharma sowie Pluradent, die unsere Arbeit großzügig materiell unterstützt haben.
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