2011-1 / Ost -Mongolei:: Sükbatar Aimag - Tuvshinshiree v. ZA Wolgang Roth
Geschrieben von Zahnarzt Wolfgang Roth Email: zaroth@t-online.de
Freitag, 28. Januar 2011
Erfahrungsbericht Mongoleieinsatz vom 17.07-04.08.2010 Von Zahnarzt Wolfgang Roth, Gelnhausen Email:
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Für meine Frau Karin Schenk-Roth und mich war es der erste Auslandseinsatz überhaupt. Wir fuhren zusammen mit einer Studentin, Kathleen Menzel und einer mongolischen Zahnärztin, die gleichzeitig unsere Dolmetscherin war, Lhagvazend Munkh- Ochir, von Ulaan Batar Richtung Osten in eine der am dünnsten besiedelten Regionen, nach Sükbatar Aimag. Schon die Fahrt über die unbefestigten Steppenpisten war ein erstes Abenteuer. Zum Glück konnten wir die erste Strecke nach BarunUurt, dem Hauptort dieses Aimag, dank eines professionellen Fahrers und modernen Geländewagens vergleichsweise komfortabel und in 8 statt 12 Stunden zurücklegen.
In Barun Uurt wurden wir sehr herzlich von der Krankenhaus- und der Gesundheitsamtsleiterin empfangen. Hier wurde uns auch unsere mongolische Kollegin und eine Studentin vorgestellt, die das Einsatzteam vervollständigten.
Im Krankenhaus konnten wir das letzte Mal in einem richtigen Bett schlafen und duschen.
Am nächsten Morgen wurde ein russischer Microbus mit 3 mobilen Einheiten, Kompressor, Steri, diversen Geräten und Materialien randlos vollgepackt. Die Gesundheitsamtsleiterin begleitete uns an den Einsatzort. Nach 2,5 Stunden erreichten wir ein Sum, wo wir das Krankenhaus besuchten. Zufällig fand hier auch noch eine Buddhistische Prozession mit anschließendem Pferderennen der 2- Jährigen statt. Dieses eindrucksvolle festliche Treiben konnten wir als einzige Fremde hautnah und authentisch miterleben, als nach 12 Kilometern Galopp erschöpfte Kinder und Pferde ins Ziel einritten. Auf den restlichen Kilometern zu unserem Einsatzort Tuvshinshire gab es dann die erwartete Reifenpanne bei 37 ° im Schatten. Zum Glück hielt dann der Ersatzreifen die restliche Strecke durch. In unserem Sum angekommen wurden wir herzlich im Krankenhaus empfangen. Für einen Übernachtungsplatz war gesorgt. Leider gab es weder Toiletten noch Duschen und überhaupt kein fließendes Wasser. Unsere Kollegin und Dolmetscherin „rettete" uns. Sie bat um eine eigene Jurte mit eigens gegrabener Outdoorsteppentoilette.
Noch in der Abenddämmerung kam die Crew des Bürgermeisters und baute für uns eine neue Jurte etwa 300 Meter vom Ort weg. Unsere mongolische Kollegin, die Famulantin, meine Frau und ich hatten jetzt für 12 Tage eine Heimat gefunden.
Am nächsten Morgen streiften wir die DWLF- Shirts über und spazierten zum Krankenhaus.
Nach dem Frühstück bauten wir die 3 Einheiten auf und fingen an, zu behandeln. Da tauchten schon die ersten Schwierigkeiten auf.
Es gab keine Desinfektionsmittel für Hände und Flächen, kein fließendes Wasser, und die Steckdose hing frei schwebend von der Decke. So mussten wir das mitgebrachte Desinfektionsmittel sehr sparsam anwenden und einfach das Beste aus der Situation machen.
Schon bei den ersten Patienten fiel der starke Fluorosebefall auf. In Kombination mit stark kariogenen Bonbons und Limonaden führte dies zu einer großen Zahl total zerstörter Zähne, insbesondere der 6- er bei Kindern.
Hier blieb in den meisten Fällen nur die Extraktion. Dabei war auffällig, dass die meisten unteren 6-er eine gekrümmte distolinguale Zusatzwurzel hatten, was die Extraktion nicht gerade erleichterte.
Faszinierend für mich war, wie die mongolischen Kollegen mit wenigen, sehr kräftigen Zangenbewegungen -fast immer ohne Hebeleinsatz- auch sehr fest sitzende Zähne sehr zügig extrahierten. Die Patienten wurden dann angewiesen, das Blut aus der Wunde zu saugen und in eine Speischale laufen zu lassen, bis das Blut hell wurde. Das Ergebnis war eine schnelle und stabile Wundheilung. In keinem einzigen Fall konnten wir Wundheilungsstörungen beobachten.
Mit der Zeit praktizierten wir eine Art Arbeitsteilung. Die mongolischen Kollegen extrahierten hauptsächlich, wir machten mehr Füllungen. So konnten wir den täglich größer werdenden Patientenansturm bewältigen. In Tuvshinshiree behandelten wir 10 Tage ohne Pause. Hinzu kam die Behandlung vor Ort bei einer Nomadenfamilie. Einer alten, blinden und gehbehinderten Frau mussten wir zwei Zähne ziehen.
Natürlich bekamen wir auch hier wie überall in der Mongolei die große Gastfreundschaft zu spüren: die landesüblichen Milchspeisen wie Käse, frischer Joghurt, getrockneter Quark , karamellisierte Milch, dazu mongolischer Tee ohne Salz wurden uns serviert. Vergorene Stutenmilch ist im Sükbatar Aimag nicht üblich. Die Stuten werden hier nicht gemolken.
Ein zweiter Sondereinsatz führte uns in einen Nomadenkindergarten. Mit einer mobilen Einheit und einem Kompressor ausgestattet, konnten wir bei den Kindern einige Füllungen machen. Natürlich kamen dann auch noch viele Erwachsene aus der Umgebung zur Behandlung.
Mit der Zeit lebten wir uns richtig ein in unserem Sum. Nachdem das Krankenhaus die Prüfung durch die Gesundheitsbehörde bestanden hatte, wurden wir zu einem Ziegenschlachtfest unter Bäumen (die einzigen Bäume weit und breit!) eingeladen.
Es gab Bier und Tschingiss und natürlich die frisch geschlachtete Ziege mit heißen Steinen in der Milchkanne.
Wir waren tief beeindruckt von dem mehrstimmigen Gesang unter Sternenhimmel in der unendlichen Steppe. Es war ein sehr lustiges Fest, in dessen Verlauf meine Frau" mongolische Sumoringmeisterin" wurde.
Am Ende konnten wir sogar unter freiem Himmel in der Steppe übernachten. Mit am schönsten war die Zeit an unserer Jurte, die Abende unter Mond- und Sternenhimmel, wenn Pferde oder Kühe vorbeizogen, nach einem arbeitsreichen Tag die Harmonie der Steppe und die Harmonie unseres Teams zu genießen.
Wir bekamen öfters Besuch, wenn uns etwa Wasser für die mongolische Steppendusche vorbeigebracht wurde. Auch an das Schlafen auf blankem Boden, nur auf Filz und Teppichen hatten wir uns schon nach 2 Tagen gewöhnt.
So fiel uns der Abschied schwer aus Tuvshinshiree , von den Menschen, die wir und die uns schon etwas ins Herz geschlossen hatten .
Danach behandelten wir noch 2 Tage in einem anderen Sum, bis uns endgültig das Anästhetikum ausging. Auch hier wurden wir sehr herzlich aufgenommen und rundum gut versorgt.
Insgesamt hatten wir mit dem gesamten Team ca. 1200 Patienten während des 12-tägigen Einsatzes behandelt.
Zurück in Barun Uurt wurden wir vom Bezirksgouverneur und vom Gesundheitsamt empfangen und geehrt.
Nach 12 Stunden Microbus und Reifenpanne waren wir wieder in Ulaan Batar. Das nächste Ereignis war die vielbeachtete Pressekonferenz.
Das Ergebnis konnten wir abends in den Hauptnachrichten in einem 5- minütigen ausführlichen Bericht im 1. Mongolischen Fernsehen betrachten. Für uns war die Zeit in der Mongolei eine echte Bereicherung. Obwohl alles gut organisiert war und die Zusammenarbeit mit den Behörden und Krankenhäusern recht ordentlich funktionierte, gab es täglich neue Überraschungen und Eindrücke.
Die vielen dankbaren und zufriedenen Patienten gaben uns das Gefühl, dass unsere Arbeit wichtig und sinnvoll war.
Besonders wichtig für den Erfolg unseres Einsatzes war auch der gute Zusammenhalt in unserem Team, und nicht zuletzt der unermüdliche Einsatz unserer Kollegin und Dolmetscherin, die so manches Problem für uns aus dem Weg räumte.