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2011-1 / Mongolei: Blauer Himmel v. Dr. Ekkehard Schlichtenhorst Drucken E-Mail
Geschrieben von von Dr. Ekkehard Schlichtenhorst Email:Nonnendoc@t-online.de   
Mittwoch, 26. Januar 2011
moschl5.p1070119klein.jpg Dr. Ekkehard Schlichtenhorst:  Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

Blauer Himmel über Mongolien


Angeblich soll an 320 Tagen im Jahr blauer Himmel über der Mongolei vorherrschen, was ich nicht bestätigen kann, denn ich war nur 40 Tage dort und habe einige bedeckte Tage erlebt. Auch gilt das sicher nicht für das gesamte Land, der Süden dürfte blauer sein. Ganz gewiss trifft es nicht für die Hauptstadt Ulan Bator zu, deren Smog-Glocke besonders im Winter den Himmel grau färbt. Grund dafür ist der massenhafte Einsatz von Autoreifen als Heizmaterial in den zahlreichen Individual-Heizungen der Aussenbezirke .

Aber wenn der Himmel blau ist, strahlt das Land einen unvergleichbaren Charme aus: Weite Täler, blassgrünes Grasland bis zum Horizont , fast menschenleer, dafür zahlreicher die Herden von Schafen, Ziegen, Rindern, Yaks, Pferden und Kamelen, manchmal 1000 Stück zählend. Keine Autobahnen, keine Siedlungen stören das Bild, nur vereinzelte Ger´s  und gelegentlich Überlandleitungen beleben den Eindruck. Zu meiner Zeit war es sommerlich warm, mit seltenen Kaltluft-Einbrüchen aus Sibirien, aber 43 Grad in der Ost-Gobi und 35 Grad in der Zentral-Mongolei lassen vergessen, dass im Winter locker diese Grade im Minus-Bereich erreicht werden.

Die Mongolei hat eine schwierige Zeit hinter sich, Die Wandlung von der sozialistischen Volksrepublik zur kapitalistich geprägten Gesellschaft im Jahre des Pferdes (1991) hat manchen aus der Bahn geworfen und vielen ehemaligen Funktionsträgern die Bereicherung an Volksvermögen ermöglicht.

 Die ganz Reichen bilden eine dünne Oberschicht, dann kommt lange nichts und das Gros der Bevölkerung muss ums Überleben kämpfen.  Auf dem Land gibt es in erster Linie Vieh-Diebstähle, die die Kriminalstatistik füllen, in Ulan Bator sind es trickreiche Taschendiebe. Ich konnte den Angriff eines solchen durch blitzschnelle Reaktion abwehren, aber Jolanta hat ihre Kamera eingebüsst.
Die Welt-Finanzkrise hat auch in Mongolia zugeschlagen, erkenntlich an den vielen stillgelegten Baustellen, und die Leute klagen, dass die (an jeder Strassenecke befindlichen) Banken sehr zurückhaltend mit der Vergabe von Krediten geworden sind. Dabei dürfte das Land reich an Bodenschätzen sein, die momentan noch mit unzureichenden technischen Mitteln (Spaten, Spitzhacke, Schlegel) gewonnen werden. Doch demnächst soll bei Saynshand Kupfer abgebaut werden. Aber der Weg vom Vieh-Agrar-Land zur Industrie-Nation ist lang. Es fehlt an Strassen, die Eisenbahn hat nur eine Strecke, für die Weiterverarbeitung fehlt die Infrastruktur etc. Aber Strassen werden gebaut, wenn auch schleppend. So haben wir in Airag Sum ein Baustellen-Camp besucht, von dem aus ein südkoreanischer Ingenieur (Ji Gun-Young) den Bau einer 190 km langen Strasse beaufsichtigt (benötigt für den Kupfer-Abbau).

Mongolien ist aber auch ein kultiviertes Land. Neben zahlreichen Zeugnissen aus Malerei und Plastik kommt der Musik ein hoher Stellenwert zu. Die Instrumente mögen fremdartig wirken, aber die Weisen sind z.T. von berauschender Schönheit. Es ist erstaunlich, welche Illusionen sie z.B. mit der sog. Pferdegeige, die nur 2 Saiten aufweist, zaubern können. Dazu singen Mongolen sehr gerne. Und im Gegensatz zu uns kennen sie die Texte. Es sind meist sehr melancholische Lieder und anspruchsvolle Melodien. Dass solche Gesänge gerne von Vodka begleitet werden, soll hier nicht verschwiegen sein. Kein Konzert ohne Tanz-Einlagen, die deutlich chinesische Einflüsse zeigen. Dasselbe gilt für die akrobatischen Schlangen-Mädchen, die direkt von Pekinger Staatszirkus zu kommen scheinen.

Nach dem Sozialismus, der die buddhistische Religion massiv unterdrückt hatte (Klöster wurden geschleift, die Oberhäupter (Lama's) ermordet), fasst der Buddhismus wieder Fuss, Klöster wurden wieder aufgebaut und machen einen guten Eindruck. Ich selber habe eine Betstunde miterlebt, die mich durchaus faszinierte. Aber es ist zu hoffen, dass nicht wieder 30% aller Männer zu Mönchen werden, das hält keine Volkswirtschaft aus.
Äusseres Zeichen der Gläubigkeit sind neben den zahlreichen Stupa's im Land die sog. Oovoo's, mehr oder weniger kunstvoll aufgeschichtete Steinhaufen mit einem Holzpfahl in seiner Mitte, geschmückt mit meist blauen Tüchern (Hadak's). Der Wanderer ist gehalten, den Oovoo dreimal in Uhrzeiger-Richtung zu umschreiten, Autofahrern genügt es, dreimal zu hupen. Diese Oovoo's stehen auf jedem halbwegs markanten Berg oder Hügel und säumen die Strassen, sind an Wegkreuzungen und auch sonstwo zu finden. Das Umrunden, unter Hinterlassung einer Opfergabe, sei es auch nur ein weiterer Stein, besänftigt die Geister und bringt Glück auf dem weiteren Weg. Die Hadak's (blauen Tücher) haben eine ähnliche Funktion und finden sich deshalb in jedem Auto, jeder Wohnung etc, also auch an unseren Dental-Einheiten.
Für uns von DWLF  gab es in der Mongolei vorrangig Arbeit. Die erste Gruppe, mit der ich in Airag Sum in der Ost-Gobi tätig war, bestand aus Christine, einer erfahrenen Zahnärztin aus Koblenz, sowie aus Regina und Julia, frisch examinierten Kolleginnen aus Göttingen, die in jeder Hinsicht unzertrennlich waren. Ergänzt wurden wir von Sarah und einem weiteren Kollegen aus der Provinzhauptstadt Saynshand und Enhmunh , unserer Dolmetscherin. Vor der örtlichen Klinik waren für uns 2 Ger´s aufgebaut worden, in denen wir landesüblich und gut wohnen konnten. Auch die Krankenhaus-Dusche stand uns zur Verfügung, das Wasser lief zwar spärlich und kalt, aber sie bedeutete echten Komfort.
Wir konnten viel konservierend behandeln, aber 40% der Leistungen waren Extraktionen. Der Mundhygiene-Status der Menschen ist erschreckend. Obwohl überall Zahnbürsten zu kaufen sind, es fehlt offenbar an den nötigen Anleitungen. Und die Regale mit den Süssigkeiten in Supermärkten überwiegen alle anderen, seit dem Jahr des Pferdes (1991) hat eine totale Änderung der Essgewohnheiten stattgefunden, hin zur kariogenen Kost.
Bei meinem zweiten Einsatzort in der Zentral-Mongolei, der dortigen Provinz-Hauptstadt Tzetzerleg bot sich ein noch schlimmeres Bild, hier waren mehr Zähne zu extrahieren als zu füllen.
Dort lebten wir im Kinderkrankenhaus (mit Psychiatrie) auf demselben Flur, in dem sich Praxis, WC und Küche befanden. Ein seltsames Gemisch an Gerüchen begleitete uns ständig. Meine Begleiter waren Renate, Mitte 50, ZMF und Wegbereiterin der Prophylaxe in Mongolia, Florian, ehem. „ewiger Student" und seit 2 Jahren in väterlicher Praxis tätig, Wibke (ohne „e"!), seine Freundin und frisch examiniert, die uns mit ihren phantasievollen Gedankenblitzen immer wieder überraschte, Annika, Studentin der ZHK im letzten Semester, Tochter von Renate und Freundin von Armin, der als BWL-er und technisch Begabter zahlreiche Reparaturen durchführte, Steri-Chef wurde und überall mit anpackte. Und Saaina, unser Dolmetscher, der uns jeden Wunsch von den Augen ablas, ständig präsent und uns unentbehrlicher Helfer war. So waren wir eine echt starke Truppe, auch ohne Dusche!
Der Reiz des Neuen lag uns allen natürlich am Herzen, und da boten sich die Wochenenden für Exkursionen an, die uns das Leben der Nomaden hautnah fühlen liess. Besuche bei Nomaden-Familie gehörten natürlich dazu, wenngleich die dortige Bewirtung nicht immer Anklang fand. Vergorene Stutenmilch (Airag, ca. 3% Alc.), Ziegenfleisch , Vodka aus Ziegenmilch (ca. 12% Alc.) , luftgetrockneter Yoghurt  und immer wieder Hammel liessen unsere Geschmacksnerven tanzen. Und dazu der echte Vodka (39%), bis die Flasche(n) geleert war(en).
Die Grosszügigkeit des Bürgermeisters von Airag Sum , der Provinz-Regierung von Saynshand und des Klinik-Chefs von Tzetzerleg machten diese Ausflüge möglich, indem sie Fahrer und Fahrzeug stellten und z.T. für die Bewirtung sorgten.
So konnten wir Ger-Camps besuchen in der Gobi nahe Khamaryn Khiid und der Shambhala-Anlage, bei den heissen Quellen nahe Tzetzerleg und am Grossen Weissen See (Terkhiin Tsagaan Nuur), in einer landschaftlich nicht zu überbietenden Naturschönheit inmitten von Bergen z.T. vulkanischen Ursprungs, allerdings ohne Segel- und Ausflugsboote. Dass die Fische dort nicht beissen wollten, lag wohl auch an unserer Unerfahrenheit beim Angeln.
Dafür stellten wir uns beim Reiten auf Kamelen und Pferden weniger dilettantisch an, aber das mag auch an den gutmütigen Tieren gelegen haben.
Auf unseren Wanderungen streiften wir durch den harten Bewuchs der Gobi, aber auch durch blühende Frühlingswiesen (im August!) mit Enzian, Margeriten, Nelken  und Edelweiss, genossen den Blick in die Ferne bis zu 50 km weit und die Sonne unter dem blauen Himmel. Doch hatten wir auch einen Regentag, der sogar in Schnee überging und einen Tag liegen blieb, um tags drauf wieder mit 30 Grad aufzuwarten.
Da Mongolisch keinerlei Ähnlichkeit mit den uns geläufigen Sprachen aufweist, war die Verständigung nur über den Dolmetscher, bzw. mit Händen und Füssen möglich. Einige wichtige Wörter haben wir dennoch gelernt: Angai = (Mund) aufmachen; Haz = zumachen; Tok-Toi = Prost.
Wir waren zu einem Picknick in der Gobi eingeladen. Dazu fuhren wir mit 3 Jeeps an einen halb vertrockneten Teich, es wurde ein Zelt aufgestellt (zum Kochen, denn es war sehr windig, aber heiss), ein Teppich auf dem Wüstenboden ausgerollt, Tische und Hocker kamen dazu - und dann wurde festlich getafelt und gesungen bis weit in die Nacht.
Und hier Wibke's Geschichte: Wir fanden uns nach einem ausgedehnten Abendessen in UB anschliessend in eine dieser dämlichen Karaoke-Bars wieder. Gegen halb zwei konnte ich mich ins Hotel abseilen, Wibke schloss sich mir an. So wankten wir, der eine den anderen stützend, ins Hotel. Während ich meine Zimmertüre noch eigenhändig öffnen konnte, was im nüchternen Zustand schon höchste Konzentration erforderte, sass Wibke vor ihrer Tür, verzweifelt das Schlüsselloch suchend. Ich half ihr aufschliessen und sagte Adieu. Wibke liess ihre Tür dann einen Spalt offen, um nicht aufstehen zu müssen, wenn Florian später käme. Als dieser schliesslich ins Zimmer trat, lag ein Mongole, nur mit Boxershorts bekleidet, in Florian's Bett. Wibke hatte im komatösen Tiefschlaf nicht mitbekommen, wer und wie der in ihr Zimmer gelangen konnte. Dabei muss er einen Höllen-Lärm gemacht haben, denn die Glasplatte eines Nachttisches lag zerbrochen am Boden. Florian tobte verständlicheweise und bezichtigte Wibke aller möglichen Verdächtigungen, warf den Mongolen aus dem Zimmer, aber Wibke schlief ruhig weiter und erfuhr erst am nächsten Morgen weitere Details. So blieb sie einen Tag lang merkwürdig ruhig und in-sich-gekehrt.

Nur die Autofahrten waren anstrengend. In Ulan Bator im permanenten Stau, auf dem Land auf den praktisch nicht vorhandenen Strassen. Die Rundum-Polsterung unseres russischen Kleinbusses schützte uns nicht vor Haematomen.

Mongolien ist ein Land zum Träumen, und das tue ich momentan ausgiebig. Aber wenn ich aufwache, liege ich in meinem eigenen Bett - leider und Gott sei Dank.

Ekkehard Schlichtenhorst    Email: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

 

 
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