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Erfahrungsbericht Mongolei - Dornogov Aimag/ Sainshand/ Ostgobi v. 1.10.-18.10.2010
von Zahnärztin Annette Kirchner-Schröder DWLF ID 0173 Email:
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Anke Braumann (Rügen) , Annette Kirchner-Schröder (Pfalz)
Unsere Reise sollte uns 10000 km weit Richtung Osten führen...fürsorgliche Freunde hatten uns schon in den Wochen der Vorbereitung mit Schafwollsocken, dicker Fleecejacke und Fellmütze ausgestattet, aber es kam alles ganz anders......
Bereits der weite Flug mit hektischem Umsteigen in Moskau, ließ uns erahnen, wie weit wir uns von der Heimat entfernt hatten.....unsere Nacht war verschwunden durch die 6 Stunden Zeitumstellung, wir fanden sie nie wieder, aber Adrenalin vertreibt ja bekanntlich die Müdigkeit und so konnten wir gespannt der Landung in Ulaanbaatar entgegenfiebern......
Das fast Unglaubliche geschah: Wir sahen unsere Rucksäcke auf dem Gepäckband (böse Zungen hatten im Vorfeld behauptet, dass das so gut wie nie klappt) und konnten so Baagii begrüßen, den wir am DWLF-Schild erkannten. Baagii verlud uns samt unserem Gepäck (sehr schwer durch die mitgebrachten Arbeitsmaterialien) in sein Auto und wir nahmen die ersten Eindrücke auf einer rasanten Fahrt in Richtung Innenstadt auf. Ungewohnt war schon mal, den Fahrer auf der rechten Autoseite sitzen zu sehen. (bei Rechtsverkehr) Ich habe vermieden, mich zu fragen, wie er bei dem Tempo sehen kann, ob er Gegenverkehr beim Überholen hat. Der erste Gedanke war- Mondlandschaft und Schuttberge-. Ulaanbaatar, von den Einheimischen liebevoll U.B. (like L.A.) genannt, liegt unter einer Dunstglocke und die Skyline wird von den Schornsteinen der Heizkraftwerke und von einigen hohen Bank- u. Firmengebäuden ausländischer Investoren bestimmt. Trotz der frühen Morgenstunde hatte schon ein Bankschalter geöffnet und für kurze Zeit waren wir Tugrik-Millionäre. Wir fanden ein Zimmer im Kharkorumhotel, recht annehmbar, auch wenn man keinen Zugang zum Internet hatte, da der Monitor verschwunden war. Auch Licht gab es nur spärlich, so dass wir uns vorsichtig durch die Gänge tasteten. Übrigens Vorsicht! Niemals den Kopf heben, um schöne Gebäude (von denen es nicht viele gibt) zu betrachten. Anke wäre dadurch fast in einem Gullyloch verschwunden, mitten auf dem Gehsteig. Kanaldeckel sind Mangelware, wie wir später noch öfter sehen konnten. Der „Tod" lauert hier überall. Der „schnelle Tod" an total verstopften Kreuzungen, die fast unpassierbar sind. Der „langsame Tod" droht aus der Luft: Kohlestaubsmog! Der Dreck setzt sich einem in die Nase, verschleimt die Atemwege, knirscht in den Zähnen und stinkt. Es ist unglaublich! Wir sahen viele Leute, die sich mit Mundschutz durch die Straßen bewegten. Später, am Ende unseres Aufenthaltes fanden wir alles in UB total normal, aber zu Beginn der Reise war es ein Schock.
Foto 1 einfügen!
Der neue Tag begrüßte uns mit strahlend blauen Himmel, den wir ungetrübt genießen konnten, sobald wir UB per transmongolischer Eisenbahn verlassen hatten.
Foto 2
Überhaupt dieses Blau! Einfach phantastisch und das jeden Tag! Wir hatten ein ganzes Abteil für uns und genossen das bunte Treiben auf den Bahnsteigen, das unfassbar große Nichts der Steppe, den herrlichen Sonnenuntergang. 450 km Richtung China, gut 10 Stunden Fahrtzeit bis nach Sainshand, dem Zentrum des Dornogov-Aimags. Dieser Aimag ist sehr dünn besiedelt.(0,5 Menschen pro qkm) Die Hälfte der 50000 Einwohner lebt in Sainshand, in Wohnblocks und Jurtenvierteln. Wir wurden von Nyamka, der Vizechefin der Poliklinik vom Zug abgeholt und in unser Hotel gebracht. Und da waren sie wieder, diese unglaublichen Sprachhindernisse, die uns noch oft das Leben schwer machen, uns aber auch zeitweise zum Lachen bringen sollten. Kaum jemand spricht englisch und wenn doch, eine asiatische Variante, deren Inhalt oft nur zu erahnen ist. In diesem Hotel erlebten wir alles, was ein Hotel so zu bieten hat: Fahrstuhl geht nicht, 2 Tage Stromausfall (dankenswerterweise erhielten wir 2 dicke Kerzen), eiskaltes Wasser, kochendheißes Wasser (sehr selten), kein Wasser und das alles nach einem Rhythmus, der sich uns auch nach 2 Wochen Aufenthalt noch nicht erschlossen hatte.
Nach 10! Tagen (Sprachproblem) bekamen wir endlich Frühstückbons, die wir nicht einlösen konnten, da das Restaurant nicht öffnete (erst nachdem die Chefin der Poliklinik dort persönlich auftauchte, konnten wir doch die letzten 2 Tage dort frühstücken). Einen Zimmerservice gab es nur sporadisch und auch nur nach Anrufen von Nyamka. Einmal stürzten nachts 2 Frauen in unser Zimmer, obwohl wir abgeschlossen hatten. Man hätte jedes Wort eines jeden Gastes verstehen können, wenn man des Mongolischen mächtig gewesen wäre und und und...es war so unglaublich, dass es schon fast wieder gut war (und soviel Spaß für lächerliche 40000 T=22 € pro Nacht - ein angestellter Zahnarzt verdient etwa 140 € im Monat).
Am nächsten Morgen gingen wir voller Spannung zur Klinik, in der wir 2 Wochen arbeiten wollten. Wir schleppten abwechselnd den Reisetrolly, der mit unseren Materialien gefüllt war. Ihn hinter uns her zu ziehen ging nicht aufgrund des maroden Zustandes der Gehwege. Aber jeder Kilometer ist auch mal zu Ende und am Ende eines Plattenweges quer durch die Staubwüste stand sie da: die Poliklinik, von Weitem ein strahlend weißes Gebäude, von Nahem und Innen - naja- bröckelnder DDR-Look in der Provinz vor 30 Jahren. Hier wollten wir auf keinen Fall krank werden. Darin waren wir uns absolut einig!
Den 2 angestellten Zahnärzten, Saraa und Bilguun, stehen 2 Behandlungsräume zur Verfügung. In jedem Raum steht ein Stuhl, der bewegt werden kann, der aber über keinerlei weitere Anschlüsse verfügt. Gearbeitet wird mit den mobilen chinesischen Einheiten (von DWLF). Aus einer der zwei Turbinen kommt kaum noch Wasser, das Winkelstück rotiert in merkwürdiger Drehzahl, eine OP- Absaugung, die kaum zieht, keine Möglichkeit zum Zahnstein entfernen (auch keine Scaler), keine Dentalleuchte oder sonstige Lampe, die Anästhetika sind gerade ausgegangen und die Kunststoffvorräte ziemlich erschöpft....niemand der Anwesenden spricht englisch, aber alle haben ihr Handy am Ohr und telefonieren hektisch herum...bis nach einer Stunde eine junge Dolmetscherin auftaucht, deren Englisch uns in den nächsten Stunden immer rätselhafter wird. Eine weitere Stunde später findet sogar jemand in der Klinik ein Taschenlämpchen, so dass wir auch die Weisheitszähne der Patienten anschauen können. Alle sind sehr bemüht um uns! Die Patienten stehen Schlange, was in den nächsten Tagen immer schlimmer wird. Es hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass „German dentist" vor Ort sind und jeder versucht einen Platz auf der Patientenliste zu bekommen, sei es durch verwandtschaftliche oder freundschaftliche Beziehungen zur Termin vergebenden Schwester oder durch kleine Gaben oder Versprechungen, sicher auch durch den einen oder anderen Tugrikschein. (Warum beult sich sonst die Kitteltasche der Schwester so aus?) Wir beginnen uns nach dem Sinn der Aktion zu fragen, zumal der Zahnarzt früher nach Hause geht, weil niemand mehr zu ihm möchte. Egal, wir haben keine Zeit zum weiteren Nachdenken, ein Patient raus, der Nächste rein, so geht das stundenlang. Kaum Zeit zum Saubermachen! Wir geben unser Bestes, lernen die ersten Vokabeln, die man für die Patientenbehandlung braucht. Foto 3
Die Zähne der Leute sind irgendwie besonders. Das liegt sicher an der hohen Fluoridkonzentration des hiesigen Wassers. Sehr hart, sehr verfärbt (braune Streifen und kreidige Flecken). Der Hauptsatz, den wir von unserer Dolmetscherin zu hören bekommen, lautet: „He lost his filling" (sie spricht es „peeling" aus) ! Das ist das große Problem der Kunststoffverarbeitung ohne Assistenz. Alleine ist es eigentlich unmöglich, die notwendige Trockenheit zu erzielen, zumal hier keine Spur von Cofferdam zu sehen ist.
Für die Reinigung und Sterilisation der Instrumente ist eine Schwester verantwortlich (von uns „little sister" genannt). Sie spricht nur mongolisch, beherrscht aber die Hand- und Fußunterhaltung perfekt.
Sie versuchte uns jeden Materialwunsch zu erfüllen, z.B. Artikulationspapier und Watterollen und wurde in irgendeinem Eck der Klinik oft auch fündig. Viele Materialien lagen da vergessen in Kisten herum. Foto 4
In der ersten Woche behandeln wir 120 Patienten. Die wirklich armen Leute erreichen wir nicht. Die besuchen wir abends in den Jurtenvierteln am Stadtrand und verteilen kleine Geschenke, vor allem an die Kinder.
Bei warmen Temperaturen wünschten wir uns Sandalen und kurze Hosen, anstatt der eingangs erwähnten Winterbekleidung.
In der zweiten Arbeitswoche änderten wir unser Programm, um dem Ansturm auf „die Deutschen" entgegenzuwirken. Jeder von uns arbeitete mit einem mongolischen Kollegen zusammen. So konnten wir wenigstens einige Anregungen zur Materialverarbeitung geben und Behandlungserfahrungen diskutieren. Mittlerweile hatten wir auch eine Englischlehrerin
als Übersetzerin und in einer Karaokebar einen deutschsprachigen Mongolen gefunden, der uns endlich viele Fragen beantworten konnte. Er unterstützte uns spontan 3 Tage lang in der Klinik. Das war ein Segen!
Am Ende unseres Einsatzes hatten wir über 200 Patienten behandelt, dabei 171 Füllungen gelegt, 77 Extraktionen durchgeführt, 23 endodontische Maßnahmen ergriffen, 21x Zahnstein entfernt (zum Glück hatten wir ein paar Scaler dabei) und sogar eine Schienung (mit einer abgekniffenen Injektionskanüle und Kunststoff (Zustand nach Schlägerei!) vorgenommen.
Nachahmungswilligen Kollegen raten wir, die Klinik nur als Basislager zu nutzen und einen Einsatz in der Steppe zu organisieren. Dafür wäre es günstig, eine Auswahl der eigenen Lieblingszangen dabei zu haben.
Am Wochenende ruhten wir uns von den Behandlungsstrapazen aus. Nyamka organisierte einen Ausflug in die Gobi. Wir besuchten das Weltenergiezentrum, die heiligen Lamahöhlen, picknickten auf der einzigen Sanddüne weit und breit, übernachteten in einem Ger-Camp, von dem aus wir einen Tag durch die endlose Wüstensteppe wanderten. Fotos 5, 6, 7
In der Woche durchstreiften wir die 2 Museen, waren im Theater, spazierten um Sainshand herum, schauten in jedes Geschäft, tanzten in Diskotheken und Bars, tippten mit den Fingern auf mongolische Speisekarten und ließen uns von dem Ergebnis überraschen. Wer gerne Fleisch isst, vor allem Lamm und Hammel, sowie deftige Suppen mag, ist hier gut aufgehoben. Gerösteter Pferdemagen als kleiner Zwischensnack ließ jedoch auch mich nach der ersten Kostprobe streiken. Probierenswert sind die Buuz (gefüllte Teigtaschen) oder Airag (vergorene Stutenmilch). Der getrocknete Quark (Aruul) scheidet die Geister. Man kann sich daran die Zähne ausbeißen. Entspannend ist auch der Genuss des traditionellen Milchtees, der leicht gesalzen wird.
Nach diversen Abschiedsessen an den 3 letzten Abenden verließen wir Sainshand, um mit dem Nachtzug nach UB zurückzukehren. Wir haben uns gut umsorgt gefühlt und waren am Ende in der ganzen Stadt bekannt. Die Menschen waren sehr freundlich, aufgeschlossen und trotzdem zurückhaltend. Wir hatten zu keinem Zeitpunkt Angst vor Kriminalität oder ungewollten Zudringlichkeiten. Am Ende gingen wir gelassener, als wir gekommen waren.
In UB erlebten wir noch 2 schöne interessante Tage dank einer Telefonnummer, die wir uns zu Beginn unserer Reise am ersten Abend notiert hatten. (Tipp. Verabschiede Dich nie von einem deutsch sprechenden Mongolen, ohne seine Handynummer aufzuschreiben, er könnte sich später als Engel erweisen) Munkh holte uns vom Zug ab, besorgte uns ein Hotelzimmer, fuhr mit uns in den Terelj- Nationalpark und zum Reiterdenkmal Dschinggis Khaans. Er schlenderte mit uns über einen riesigen Markt, wo es einfach alles gab, vom Ger bis zum Hosenknopf, erzählte uns im Winterpalast des Bogd Khaans viel über die buddhistische Religion und brachte uns im Morgengrauen zum Flughafen, von wo aus wir den 10- stündigen Heimflug antraten.
Wir danken allen, die uns bei diesem Einsatz geholfen haben. Wir haben viel erlebt, Positives und Negatives, Modernes und Traditionelles, europäische und asiatische Lebensweise. Unvergessen bleiben die Begegnungen mit vielen lieben Menschen und das endlose Nichts der Steppe mit seinem gigantischen Himmel und dem überirdisch schönen Licht am Ende eines jeden Tages.
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