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Ein Besuch bei der buddhistischen Gesellschaft der Toten / Mongolei / Kultur / 8.09 Drucken E-Mail
Geschrieben von Dr. Claus Macher   
Donnerstag, 10. Dezember 2009

Mongolei / Kultur / Buddhistische Denkweise / Verstorbene Familienangehörige

"Schenkt Blumen oder etwas Erfreuendes den Lebenden und stelle dies nicht nur auf die Gräber."


Ich wurde gefragt, ob ich eine ganze Familie auf den Friedhof begleiten wolle.

Heute sei ein günstiger Tag nach dem buddhistischen Mondkalender und zudem seien fast alle
Geschwister und deren Nachkommen da. Da mich Friedhöfe und Nekropolen immer interessierten, sagte ich spontan zu.

Um es vorweg zu nehmen, ich empfand den Friedhofsbesuch so menschlich anrührend und bildhaft, dass ich ihn kurz schildern möchte, denn er gibt einen  kleinen Teil der buddhistischen Denkweise wieder.

Ich schildere es so, wie ich es heute weiß, damit es lebendiger wird. Genau genommen wurde mir erst ganz am Ende auf meine neugierigen Fragen hin die Gedankenwelt erklärt.

Wir waren  2 Autos voller Familienmitglieder. Der Friedhof lag einsam in einem Tal weit außerhalb der Ortschaft zwischen 2 waldlosen Bergen eingebettet. Weit und breit keine mongolische Jurte; er war nicht eingezäunt und am Rande weideten zwei Pferde.


Die Gräber lagen geordnet da und viele hatten eine aus Beton gegossene Grabplatte.

Endlich waren die 5 Jahre abgelaufen, nach denen die Tochter die Eltern auf dem Friedhof besuchen durfte.

Warum nicht früher?  Die Tochter hatte die Eltern in ihrer gebrechlichen Zeit bis zu deren Ableben gepflegt. Natürlich mussten die Eltern sich erst einmal an die Einsamkeit gewöhnen. Sie hätte Ihre Tochter selbstverständlich gerne weiter um sich gehabt, aber das wollte sie nicht. Hatte sie doch noch viele Aufgaben unter den Lebendigen zu erfüllen. So nach 5 Jahren hatten sie sich mit dem Zustand der Einsamkeit abgefunden und es bestand keine Gefahr mehr, dass die Eltern die Tochter zu sich ins Reich der Toten holen wollten.


Die vielen Toten standen als Geister von ihren Gräbern auf und sahen uns als Ankommende erwartungsvoll an. Wen werden die Leute wohl besuchen?


Wir alle marschierten auf ein Grab zu - es lag hier der Vater. Das gab natürlich unter den Geistern eine große Enttäuschung und der Neid - das was den Menschen am meisten schadet - brach aus.

Um diese negativen Eigenschaften, die gegen uns gerichtet waren, etwas in den Griff zu bekommen, wurde Reis und Milch auch auf die Nachbargräber gesteut.
Das beruhigte dann die Gemüter der Toten; sie sollten keinen Grund zum Neid haben.
  


Also, so  dachte ich - hier ist nun das Familiengrab.

Weit gefehlt! Es weiß doch jeder, dass - ehe sich die Eltern kennenlernten - sie früher auch alleine waren, dass sich die alten Ehepaare immer streiten und sich gegenseitig ärgern, und will man Ihnen nicht nach dem Tode wenigstens die Ruhe gönnen. die sie vorher hatten?

Da die Mongolei - im Vergleich zu Europa - äußerst dünn besiedelt ist, ist genug Platz für Gräber vorhanden und man kann hier leichter den Toten in einem Einzelgrab zu einer erholsamen Ruhe verhelfen.
So lag die Mutter 50m vom Vater entfernt.

Ein Lama hatte bestimmt, wo die einzelnen Personen liegen sollten.
 


Am Kopfende des Vaters wurde ein Haeufchen Pulver angezündet, das einen Duft ähnlich wie Räucherstäbchen verströmte. Es war zuvor von einem Lama gesegnet worden.


Eine kleine Flasche Wodka und eine Schale mit Süßigkeiten und Gebäck wurden daneben gestellt, also alles, was der Vater gerne zu Lebzeiten mochte.


Danach knieten die Angehörigen der Reihe nach auf den Boden und berührten mit der Stirn die Betonplatte - die Männer vom Fußende, die Frauen von der Seite - verharrten eine Weile und waren den Toten ganz nah.

Zum Schluß umrundeten wir das Grab drei Mal im Urzeigersinn, so wie man es von den Ovos her gewohnt war.


Dann zogen wir schweigend  zum nächsten Grab. Es kam noch das Grab der Mutter, der Brüder, der Schwester und der Onkel an die Reihe - es dauerte schon seine Zeit.


Am Ende wuschen wir die Hände mit Wodka, so dass nichts vom Totenreich an ihnen hängen blieb,  nahmen einen Schluck Wodka in den Mund und prusteten ihn in Richtung der Gräber.

Die Geister derjenigen, die wir nicht besucht hatten, sollten damit besänftigt werden.

Nachdenklich fuhren wir nach Hause.

Man erzählte mir, dass früher die Toten einfach auf einen Erdhügel gelegt und der Natur zurückgegeben wurden. Holten sich die Wildtiere den Toten sehr schnell, so hatte er ein gutes Karma.
 

Der Umgang und die Beziehung zu den Toten ist etwas anders als in Europa. Aber in beiden Kulturen kann man sagen:
 

Schenkt Blumen oder etwas Erfreuendes den Lebenden und stelle dies nicht nur auf die Gräber.

 
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