Asien / Indien / Coonoor / Azhagiapandipuram / v. Dr. Ulla Heilemann aus Berlin
Geschrieben von Dr. Ulla Heilemann
Mittwoch, 28. November 2007
Dr. Ulla Heilemann - Zahnärztin - Berlin - EMail:
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- Tel. Prax.: 030-5441051
Nadine Heilemann - Zahntechnikerin - Studentin in Osnabrück
Anmerkung von Dr. C. Macher: Frau Dr. Heilemann wird als Projektmanager den Belegungsplan über-
nehmen. Diese Projekte werden demnächst noch näher unter "Projekte" beschrieben werden.
REISEBERICHT Indien 03 / 2007
Es ist schon einige Jahre her, dass meine Mutter in einer Fachzeitschrift den bewegenden Bericht einer deutschen Zahnärztin las, die sich in indischen Kinderdörfern der CMS (Christian Mission Service) engagierte.
Wir sind über die Jahre viel gereist, doch so bot sich die Möglichkeit, ein fremdes Land, seine Kultur und seine Menschen auf sehr viel intensivere Art kennenzulernen, an seinem alltäglichen Leben teilzunehmen
und vor allem auch ein Stück von uns zurückzugeben.......
Schließlich verbrachten wir in den Jahren 2000 und 2001 jeweils 3- 4 Wochen in Coonoor und Azhagiapandipuram, untersuchten und behandelten Kinder und erkundeten an freien Tagen die nähere Umgebung. Die Bilder und Erfahrungen dieser Zeit beeindruckten uns tief und blieben auch über die Jahre, zurück im deutschen Arbeitsalltag, erhalten. So entschlossen wir uns Ende 2006 zu einem erneuten Arbeitseinsatz in Coonoor. Die Reisevorbereitungen (Flug, Visa, Impfungen, Zusammenstellen von Materialien und fehlenden Instrumenten) nahmen einige Zeit in Anspruch, doch je näher der Tag der Abreise kam, desto grösser wurden Spannung und Vorfreude.
Am 03.03.2007 landeten wir zunächst in Chennai, der Hauptstadt Tamil Nadus. Geprägt von dem unglaublichen Wirtschaftswachstum der letzten Jahre und noch unglaublicherer Armut, ist das ehemalige Madras sicher nicht die sehenswerteste Stadt des Landes und doch Sinnbild für das Indien der heutigen Zeit. Wir nutzten diese ersten 3 Tage, um Abstand zur Heimat zu gewinnen und uns an das zu dieser Jahreszeit tropische Klima zu gewöhnen. Wir besichtigten die weltbekannte St Thomas Church, den endlos langen Strand Chennais, fuhren ins 70km entfernte Mamallapuram , eine frühgeschichtliche Hafenstadt mit beeindruckenden, aus Fels gehauenen Tempeln der Pallavadynastie, besuchten eine Seidenweberei und genossen abends Ayurvedamassagen und kulinarische Köstlichkeiten
der Region.
Am 06.03.2007 flogen wir von Chennai nach Coimbatore, wurden dort bereits erwartet und freudig begrüßt. Salvin, ein Fahrer von CMS, hatte uns schon in den Jahren zuvor mehrfach begleitet und gab uns sofort ein Gefühl der Vertrautheit. Die circa dreistündige Fahrt im einfachen, nichtklimatisierten Bus führte uns zunächst durch viele Dörfer, vorbei an bunten Märkten, überall auf den Straßen Ziegen und Kühe, dann entlang von Kokos- und Bananenplantagen . In einem Konvoi aus überladenen Ochsenkarren, riesigen bunten Lkws und überfüllten Linienbussen fuhren wir später durch unzählige Haarnadelkurven immer höher in die Nilgiri Hills. Dabei wurden wir begleitet von ständigem Hupen, das ziemlich absurde Überholmanöver ankündigte. Die von der Hitze teilweise staubig -trockene Landschaft Tamil Nadus weicht hier einem immer dichter werdenden Dschungel, unterbrochen von kleinen Wasserfällen und schier endlosen Tee- und Gemüseplantagen.
Berauscht und erledigt von der Fahrt erreichten wir am frühen Nachmittag das eigentliche Ziel unserer Reise. Coonoor ist mit seinen etwa 50.000 Einwohnern recht überschaubar und dennoch typisch farbenfroh, turbulent und laut. Auf einer Höhe von 1800 m ist das Klima hier sehr mild, zum Arbeiten optimal.
Wir wurden, wie die Male zuvor, im ‚Guesthouse‘ der CMS untergebracht. Dieses schöne Anwesen im Kolonialstil liegt im oberen Coonoor/ Silverdale inmitten von Teeplantagen. Die Gästezimmer befinden sich in separaten Gebäuden, sind einfach ausgestattet. Das Wasser wird hier durch eine Solaranlage erwärmt, statt einer Dusche stehen Eimer und Schöpfbecher zur Verfügung. Alles in allem ist die Unterbringung sehr idyllisch, sauber und funktional.
Im ‚Guesthouse‘ selbst werden nach britischer Tradition Breakfast, Tea, Lunch, Tea und Dinner angeboten. Das mehrmalige Läuten einer Glocke bittet Hausherren und Gäste zu Tisch. Es werden vorwiegend europäische Gerichte serviert, auf Wunsch zaubert der Koch jedoch auch südindische Spezialitäten. Noch am selben Nachmittag machten wir uns auf den Weg bergab ins Ingrid- Kowski- Hospital. Das Hospital, auf einer Anhöhe zwischen Teebergen und Dschungel gelegen, wird mit einfachen Mitteln aber sehr sorgfältig und liebevoll von Fr. Dr. Chandra und auszubildenden Krankenschwestern der Mission geführt. Diese betreuen hier nicht nur die ca. 400 Kinder der Einrichtung, sondern auch eine Vielzahl mittelloser Patienten des Ortes.
Der zahnärztliche Behandlungsraum wurde 2001 mit einer über Spendengelder finanzierten Dentaleinheit ausgestattet. Ein Ultraschallgerät, ein Kapselmischer und ein großer abschließbarer Schrank für Materialien und vorhandene Instrumente stehen zur Verfügung. Wir haben schon im Vorfeld erfahren, dass hier seit unserem Einsatz 2001 lediglich ein pensionierter Zahnarzt aus Coonoor ab und zu gearbeitet hatte. Trotzdem war ich beim Öffnen des Schrankes verblüfft, alles noch genauso vorzufinden, wie wir es damals sortiert und hinterlassen hatten. In diesem Raum war die Zeit seit 6 Jahren stehengeblieben. Wir überprüften also die Funktionalität aller Geräte, ordneten die mitgebrachten Materialien und trafen die nötigen Vorbereitungen für den Arbeitsbeginn am nächsten Tag, denn der Behandlungsbedarf war offensichtlich groß.
Das Kinderdorf Coonoor ist in 2 Sektionen unterteilt, Silverdale und das tiefer gelegene Underfell. Hier sind Kinder in unterschiedlichen Altersgruppen untergebracht : angefangen bei den Kleinsten, die im missionseigenen Kindergarten betreut werden, über diejenigen im schulpflichtigen Alter bis hin zu den Älteren, die innerhalb der Mission die Möglichkeit haben, einen Beruf zu erlernen. Allen gemein ist ein sehr trauriges Schicksal. Diejenigen unter ihnen die keine Waisen sind, gehören Familien an, die zu arm sind, sie zu ernähren. Einzelschicksale, die einem beim Betrachten ihrer dennoch strahlenden Gesichter Tränen in die Augen treiben und die Sicht auf das eigene Leben nachhaltig prägen.
Dr. Chandra plante den täglichen Ablauf der Behandlungen und die systematische Bestellung der einzelnen Gruppen, wobei Bibelstunden, Schulbesuch und Essenszeiten berücksichtigt werden mussten. Am Mittwoch,den 07.03.2007 eröffneten wir die Sprechstunde. Die Kinder, meist in größeren Gruppen eingetroffen, warteten geduldig auf die Untersuchung, lugten durch Tür- und Fensterspalte und umringten bewundernd ihre Leidensgenossen, die teils mit Tupfern im Mund das Sprechzimmer wieder verließen. Die meisten kleinen Patienten arbeiteten gut mit, bedankten sich sogar für die Behandlung und der Schmerz war spätestens dann vergessen, wenn wir im Nachhinein ein Foto machen wollten. Die Schwestern, die die Kinder begleiteten, beruhigten die Kleinen liebevoll, gaben wichtige anamnestische Hinweise, übersetzten und lernten recht schnell, zu assistieren, so dass ich mich auf die Karteikarteneintragung, das Zureichen von Materialien und die Säuberung und Desinfektion von Instrumenten und Einheit konzentrieren konnte.
Der alltägliche Arbeitsablauf funktionierte annähernd reibungslos. Stromausfälle gab es selten. Einige Tage mussten wir die Zahnsteinbehandlung aussetzen, da das Ultraschallgerät defekt war und der angeforderte Techniker, der indischen Mentalität entsprechend, ein paar Tage länger auf sich warten ließ. In der Regel arbeiteten wir vormittags und nachmittags jeweils 4 Stunden. Eine besondere Situation ergab sich, als wir das erste Mal auf Ajith, den Patensohn meiner Mutter, trafen. Das war ein wirklich bewegender Moment und meine Mutter zeigte sich sehr erleichtert, dass seine Zähne befundfrei waren und sie ihn nach 2 Versiegelungen wieder vom Stuhl entlassen konnte.
Wir nutzten die Gelegenheit, um ihn und seine Gruppe in ihr Haus zu begleiten, Schlaf- und Unterrichtsräume zu besichtigen und mitgebrachtes Spielzeug zu übergeben. Eine tägliche Attraktion waren die Affen, die gegen Mittag Dach und umliegende Bäume des Hospitals teils lauthals eroberten. Zumindest für uns Europäer ein beeindruckendes Schauspiel. Teilweise wurden wir sogar von kopfüber vom Dach hängenden Affen in eine Art Versteckspiel einbezogen. Allerdings sind diese Tiere nicht zu unterschätzen. Sie plündern, fressen und zerreißen alles, was ihnen in die Pfoten kommt und lassen sich auf der Suche nach Futter gerade von Kindern und Frauen nicht abschrecken.
Während der Pausen und nach Feierabend fuhren wir oft mit einer motorisierten Rikscha hinunter in den Ort, schlenderten über den riesigen Markt mit seinen nicht enden wollenden bunten Ständen. Zwischen Säcken voller Gewürze, Reis und Tee, teils exotischen Früchten, Hunden, Ziegen, Federvieh, bunten Stoffen und Sarees, Geschirr, Koffern, Schmuck und Schnitzereien werden sämtliche Sinne gefordert. Auch die umliegenden kleinen und großen Geschäfte laden zum Stöbern ein. Im „Ramachandra“ kann man zwar die Speisekarte kaum entziffern, aber auf Empfehlung wunderbar essen. Auch die Produkte der örtlichen Bäckerei sind eine Verkostung wert. Hier bekommt das Wort ‚süß‘ in Form von teilweise knallgrünen oder rosa Kuchen eine völlig neue Bedeutung.
Während der 3 Wochen besuchten wir gemeinsam mit Fr Dr Chandra 3 weitere Kinderdörfer im ‚näheren‘ Umkreis. Pattanam, Gundlupet und Kotagiri, wo auch geistig und körperlich behinderte Kinder betreut werden, die außerhalb der Mission wahrscheinlich keine Überlebenschancen hätten. Der abenteuerlichste Ausflug führte uns durch die auf 2300m gelegene, äußerst sehenswerte Touristenhochburg Ooty , dann über 36 Haarnadelkurven die Nilgiri Hills abwärts durch den atemberaubenden Mudumalai Nationalpark nach Gundlupet. Nach 6 stündiger Fahrt gelangten wir an riesige Mauern, hinter denen sich das Kinderdorf als ein kleines Paradies eröffnete. Noch in dieser Nacht untersuchten wir die ersten 10 Patienten und weitere 70 Kinder am darauffolgenden Tag. Zunächst nahm Dr Chandra die allgemeinärztlichen Untersuchungen vor, danach begannen wir unter den interessierten Blicken des Leiters und der gesamten Belegschaft des Kinderdorfes unsere Arbeit. Ausgestattet mit wenigen transportablen Instrumenten und Materialien konnten wir hier leider nur sehr begrenzt helfen.
Wie in allen anderen Einrichtungen der CMS wurden wir auch in Gundlupet sehr herzlich aufgenommen und köstlich verpflegt. Auf dem Rückweg am Nachmittag machten wir ein paar Stops, stärkten uns mit frischen Kokosnüssen, die am Straßenrand angeboten wurden und beobachteten im Mudumalai Nationalpark hautnah die Waschung eines Elefanten im Fluss und die darauffolgende Fütterung der gesamten ‚Herde‘ . Ein weiteres beeindruckendes Schauspiel, dem wir beiwohnen durften.
Während unseres dreiwöchigen Aufenthalts in Coonoor untersuchten wir 688 Kinder und Erwachsene und trafen auf viele, uns teils schon bekannte, engagierte und herzliche Menschen. Wir haben die Arbeit mit ihnen und auch die Entdeckungstouren an den freien Tagen sehr genossen. Mit all diesen Eindrücken kehrten wir am 24. 03. erschöpft aber sehr zufrieden zurück nach Haus und planen nun unseren nächsten Aufenthalt im Februar 2008.